Frage: Herr Schüller, kürzlich hat das Bundesverfassungsgericht erlaubt, im Geburtenregister das Kästchen "drittes Geschlecht" anzubringen, in das Menschen eingetragen werden können, die nicht mit eindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren worden sind. Was bedeutet das für die katholische Kirche? In Sachen drittes Geschlecht lässt das Alte Testament der Kirche wenig Raum. In der Genesis steht: "Als Mann und Frau schuf er sie." Schwierig, oder?

Thomas Schüller: Der Befund ist eindeutig. Gott hat den Menschen als Mann und Frau erschaffen. Daran ist nicht zu rütteln, die christliche Lehre diesbezüglich ist nicht infrage zu stellen. Aber es gibt eben noch eine zweite Aussage in der Bibel: Der Mensch ist Ebenbild Gottes. Jeder Mensch, der nicht ins binäre Mann-Frau-Schema passt, ist also auch ein Abbild Gottes! Es gab zu allen Zeiten Menschen, die nicht eindeutig als Mann oder Frau zu identifizieren waren. Das sollten wir nicht pathologisieren und nicht dämonisieren. Auch das ist nämlich Natur – allerdings haben wir das erst im Laufe von Jahrtausenden durch den medizinischen Fortschritt erkannt. Deshalb sollten wir das dritte Geschlecht theologisch wertschätzen.

Frage: Die Kirche hat genau das nie getan.

Schüller: Wenn wir wollen, dass die Menschen zwischen den Geschlechtern nicht ausgegrenzt werden, wie es jahrhundertelang der Fall war – dann müssen wir ihnen ihre personale Würde und ihre damit verbundene Identität zusprechen. Das hat das Bundesverfassungsgericht jetzt getan.

Frage: Hat das Urteil direkte Folgen für die katholische Kirche in Deutschland?

Schüller: Ja. Hier haben wir die weltweit einmalige Situation, dass die Kirchen die gesamten Meldedaten vom Staat bekommen. In Deutschland weiß jede Kirche, wer zu ihr gehört und wo er wohnt. Um dieses Privileg zu erhalten, mussten die Kirchen zweierlei akzeptieren. Erstens, dass sie diese Daten so schützen, wie der Staat es tut. Zweitens müssen sie die Personenstandsdaten eins zu eins bei sich in den Erfassungssystemen abbilden.

Frage: Was heißt das konkret?

Schüller: Zu den Kerndaten wird das dritte Geschlecht gehören. Das müssen die Kirchen bei sich auch so eintragen. Abgesehen von theologischen Fragen gibt es also ganz klare melderechtliche Folgen aus dieser gerichtlichen Entscheidung. Wir müssen uns mit dem dritten Geschlecht befassen, wir kommen rechtlich gar nicht drum herum.

Frage: Und wenn die katholische Kirche sich weigern sollte, die Daten inklusive des dritten Geschlechts so zu übernehmen, sondern auf dem Mann-Frau-Schema beharrt?

Schüller: Wenn die Kirche in dieser Frage melderechtlich nicht nachziehen würde, könnte der Staat mit guten Gründen die bisher komplikationsfreie Datenweitergabe kritisch bedenken.

Frage: Der damalige Chef der Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger, hat in den Neunzigern schon einmal zum Problem der Transsexuellen Stellung genommen, also zu Menschen, die mit eindeutigem Geschlecht zwar geboren worden sind, sich aber später im Leben für ein anderes entschieden haben. Er wollte unbedingt ausschließen, dass Männer, die vorher Frauen waren, Priester werden können. Es fallen die Wörter "pathologisch" und "anormal". Klingt nicht sehr hoffnungserweckend, was die zukünftige Auseinandersetzung mit dem dritten Geschlecht anbelangt, oder?

Schüller: Wenn man sich Ratzingers Argumentation anschaut, dann ist sie eine rein naturrechtliche nach dem Motto: Dem Schöpfungsbericht zufolge gibt es nur Mann und Frau, und was ein Mensch von seinem biologischen Geschlecht von Anfang an ist, das bleibt er auch, egal, was medizinisch und psychisch an Veränderungsprozessen geschieht. Diese Argumentation ist zumindest unterkomplex, weil sie die naturale Wirklichkeit nicht wahrnimmt. Nicht ernst nimmt sie die schwierigen Entscheidungsprozesse von Transsexuellen, die oft gebrochene Biografien haben. Zudem ist die Argumentation dem Anliegen geschuldet, auf keinen Fall Frauen zur Weihe zuzulassen, auch solche nicht, die sich für ihr Mannsein entscheiden.

Frage: Es gibt das gleiche naturrechtliche Argumentationsschema auch in Fragen der Homosexualität.

Schüller: Die Wirklichkeit ist komplexer als ein klassisches binäres Menschenbild. Das, was es daneben gibt, soll man nicht ignorieren. Es gibt doch auch Menschen, die homosexuell sind, die hat Gott auch geschaffen. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es in allen Jahrtausenden in allen Kulturkreisen Männer und Frauen in einer gewissen Zahl gab, die homosexuell waren. Das ist eine Realität. Und auch sie sind Ebenbilder Gottes, auch in ihrer sexuellen Identität.

Frage: Damals stellte Ratzinger fest, dass Transsexuelle weder zu Priestern geweiht werden noch gültig katholisch heiraten können. Gelten diese Verbote für Menschen dritten Geschlechts heute auch so?

Schüller: Das ist im Moment der lehramtliche Stand, ja. Es kann der kirchenrechtlichen Norm zufolge nur ein eindeutiger Mann eine eindeutige Frau heiraten. Die Frage der Ehefähigkeit übrigens stellt sich aber auch für den staatlichen Gesetzgeber: Wenn jetzt Homosexuelle heiraten dürfen, müssten Menschen mit dem dritten Geschlecht das auch tun können, schon aus Antidiskriminierungsgründen. Zumindest könnten sie versuchen, es einzuklagen. Erlaubt der Staat aber zukünftig auch die Ehe von Intersexuellen, muss die Kirche sich schon wieder zu dem Thema verhalten.