Um kaum eine Dichterin ranken sich so viele Mythen wie um Ingeborg Bachmann (1926-1973).

Vierundvierzig Jahre sind seit dem Tod der wahrscheinlich größten deutschsprachigen Dichterin des 20. Jahrhunderts vergangen, und endlich erscheinen biografische Darstellungen, die nicht weihrauchgeschwängert und auf Knien daherkommen. Das ist keine kleine Sensation. Ingeborg Bachmann, die voller auffallender Gegensätze war, schüchtern und karrierebewusst, liebesabenteuerlustig und einsam, hilflos und selbstbestimmt, vielsprachig und desorganisiert, hat bisher eine recht eindimensionale Rezeption erfahren: Person und Werk wurden vergöttert, in so olymphohe weibliche Leidenssphären verschoben, dass eine kritisch-ehrliche Herangehensweise mit Bodenhaftung offenbar unmöglich war. So wie, salopp gesagt, eine Generation österreichischer Schriftsteller vom Thomas-Bernhard-Sound verdorben worden ist, wurde mindestens eine Generation deutschsprachiger Literaturwissenschaftlerinnen (dezidiert ohne Binnen-I!) verdorben, die sich reihenweise an Bachmanns hohem, mehrdeutigem Ton ansteckten und ihren Unfalltod zum logischen Höhe- und Schlusspunkt eines gigantischen Leidens an der Welt erklärten. Wobei "Welt" auch durch "die Männer" oder "die deutsche Schuld" ersetzt werden kann, es rann hier alles immer ineinander.

Damit ist es nun vorbei. Ingeborg Bachmann auf ihrem verdienten Thron im Dichterhimmel darf aufhören, der weibliche Jesus der Literaturgeschichte zu sein. Die zitternde, ständig der Ohnmacht nahe Schmerzensfrau, die vom bösen Max Frisch zugrunde gerichtet wurde, tritt zurück hinter ein viel differenzierteres, vor allem würdigeres Bild. Helmut Böttiger und Ina Hartwig haben Bücher vorgelegt, die tun, was von Biografen erwartet wird: sich dem Forschungsobjekt gelassen-seriös nähern, ohne eigene Agenda (für oder gegen Max Frisch oder Paul Celan, für oder gegen den Umgang der Bachmann-Familie mit öffentlichem Bild und literarischem Nachlass) und vor allem ohne Tabus und Weiheformeln.

Ingeborg Bachmanns erster Auftritt bei der Gruppe 47 in Niendorf 1952 ging nach heutigen medialen Maßstäben krachend schief. Die Blätter fielen ihr aus der Hand, ihre Stimme versagte, jemand musste ihre Gedichte noch einmal lesen. Da es sich um ihr öffentliches Debüt handelte, die Texte sofort auf große Zustimmung stießen und es der Beginn einer märchenhaften Karriere war, kann man den Mythen beinahe beim Ranken zusehen. Das Klischee von der zagenden Dichterin hat nämlich genau hier seinen dominanten Ursprung. Bachmann war erst 26 Jahre alt, Lampenfieber darf man annehmen. In seinem Buch Wir sagen uns Dunkles über die Beziehung zwischen ihr und Paul Celan bietet Helmut Böttiger aber nun eine viel einleuchtendere Erklärung für ihren fragilen Zustand. Die beiden, die sich vier Jahre vorher in Wien verliebt hatten, sahen einander in Niendorf nach geraumer Zeit wieder. In den Monaten davor (Celan wurde auf Bachmanns Vorschlag eingeladen) hatte sie ihn brieflich neu erobern wollen, sie dachte sogar an Heirat. Aber er ließ sie (diesmal) abblitzen, eröffnete ihr im Gegenteil in seinem Hotelzimmer, dass er Gisèle Lestrange zu heiraten gedenke. Und das erklärt wohl auch, warum ihr gerade von Menschen, die dabei waren, später unterstellt wurde, Hilflosigkeit inszeniert zu haben: Denn obwohl sie sich in Interviews gern spröde und schwierig gab, war sie das unter Kollegen eigentlich nie. Sie war mit vielen befreundet, sie feierte schon damals gern und nutzte ihre Ausstrahlung weidlich aus.

Die Liebesgeschichte zwischen diesem Königskinderpaar der deutschen Nachkriegslyrik, die erst lange nach beider Tod bekannt wurde, zeichnet Böttiger jedenfalls präzise nach: wie viel und wie wenig da eigentlich geschah, spärliche Treffen, elegische Briefe, das innige Zwiegespräch in den Gedichten. Nur gelegentlich möchte man seine Interpretation ergänzen: Wenn er etwa bei Celans Gedicht Köln, Am Hof, das eine ekstatische Nacht der beiden skizziert, ausgerechnet die erotischen Anspielungen unterschlägt. "Herzzeit, es stehn / die Geträumten für / die Mitternachtsziffer" – zwölf und Null stehen für Ende und Neuanfang, schon wahr. Aber vor allem liegen die beiden Zeiger nur dann zugleich aufrecht und innig vereint übereinander! Herzzeit! Auf dem Höhepunkt der Uhr! Daran wird in der letzten Strophe noch einmal gerührt: "Ihr Dome ungesehen / ihr Ströme unbelauscht / ihr Uhren tief in uns" – in Köln, bekanntlich einer Stadt mit Strom und Dom, haben die Liebenden auf Sehenswürdigkeiten gern verzichtet. Und stattdessen den "Uhren tief in uns" gelauscht.

Ina Hartwig geht schon mit ihrem Titel unerschrocken auf das Wesentliche los: Wer war Ingeborg Bachmann? Anders als frühere Interpretinnen, die das Leben der enigmatischen Dichterin aus dem Werk erklären wollten und dadurch ständig ins metaphysische Raunen gerieten, befragte Hartwig Zeitzeugen, Freunde, Bekannte, von denen ja immer noch etliche am Leben sind. Sie erntete so hinreißende Vignetten wie "Sie schrieb ohne Rahmspritze" (Hans Magnus Enzensberger) oder "Sie trank wie eine Bäuerin, saß aber da in Chiffonkleidern" (Peter Härtling). Die Fragerin nimmt dabei auf niemanden übertriebene Rücksicht und spricht alles offen aus und an, auch eigene Zweifel an manchen Aussagen. Aber gerade weil sie Meinung und Gegenmeinung zu- und ihr subjektives Ich mitdiskutieren lässt, schält sich ein nachvollziehbares Bild der gar nicht so unbegreiflichen Ingeborg Bachmann heraus: eine hochempfindliche, hochbegabte Frau, deren Schicksal vielleicht vor allem darin bestand, die Erste zu sein. Der erste weibliche Literaturstar, mal auf dem Spiegel- Titel emporgejubelt, dann hämisch runtergeschrieben. Die erste nichtjüdische Künstlerin, die sich der Monstrosität der Nazi-Verbrechen nicht nur stellte, sondern die Schizophrenie des Weiterlebens "danach" selbst durchlitt: als schambeladene Tochter eines überzeugten NS-Parteimitglieds und als sich symbiotisch fühlende Geliebte von Celan, dem beide Eltern ermordet worden waren.