Gemächlich schlendern sie in die Londoner Hotelsuite: Tito, 64 Jahre alt, Marlon, 60, und Jackie, 66. Drei müde Routiniers, die sich demonstrativ gelangweilt geben, sich matt in Sessel fallen lassen und ihre großen Sonnenbrillen behutsam vor sich auf den Tisch legen. Ihre Gesichter sagen: Wir wären am liebsten ganz weit weg. Aber sie müssen die neue offizielle Biografie "The Jacksons" bewerben, in der noch mal die Geschichte der legendären Brüder-Band Jackson 5 erzählt wird. Jermaine Jackson, der andere Bruder, ist aus vertraglichen Gründen nicht gekommen – er macht lieber Werbung für sein eigenes Buch. In England sind sie aber gemeinsam auf Tournee.

DIE ZEIT: Wie viele Leute gehören eigentlich zum Jackson-Clan?

Tito Jackson: Mit Kindern, Enkeln und Urenkeln kommen wir sicher auf gut zweitausend Jacksons.

ZEIT: Zweitausend?

Tito: Wir sind eben eine große Familie. Gut, zweitausend war ein Scherz. Aber es sind wohl um die hundert Jacksons, die tatsächlich regelmäßig zusammenkommen, wenn es etwas zu feiern gibt. Und das ist wirklich nur der enge Kreis, Cousins und Cousinen werden da nicht mitgezählt.

ZEIT: Wann waren Sie zum letzten Mal in Gary, Indiana, 2.300 Jackson Street, an Ihrem alten, legendären Familienwohnsitz?

Marlon Jackson: Unsere Mutter veranstaltet dort jedes Jahr eine große Charity-Show an Michaels Geburtstag. Wenn es passt, kommen wir auch.

Jackie Jackson: An diesen Ort unserer Kindheit zu kommen ist jedes Mal eine emotionale Zeitreise: Wie wenig sich die Umgebung in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat! Die alten Häuser, die alten Freunde – wir mögen es dort. Es ist alles genauso wie früher.

ZEIT: In Gary, Indiana, hat sich nichts verändert in den letzten 50 Jahren?

Jackie: Nein, weil unsere Mutter die ganze Gegend gekauft hat. Sie mag keine Veränderungen, und deshalb lässt sie da alles so wie in unserer Kindheit. Mutter hat dafür gesorgt, dass dort die Zeit stehen geblieben ist.

ZEIT: Aber Sie haben sich verändert.

Tito: Stimmt, deshalb kommt mir unser Elternhaus jetzt auch winzig vor. Als wir klein waren, schien es ein Palast zu sein. Aber jetzt, wo wir alle in recht geräumigen Häusern leben, merkt man, dass unser Elternhaus bescheiden war. Ehrlich gesagt, ist es kleiner als meine Garage.

Jackie: Als ich dort zuletzt war, saß Mutter auf dem einen großen Sofa im Wohnzimmer, das dort schon immer stand. Als wir uns unterhielten, dachte ich wirklich, die Zeit sei stehen geblieben.

ZEIT: Was sind Ihre frühesten Erinnerungen?

Tito: Da war immer nur Musik. Musik war das Wichtigste in unserer Familie und unserem Leben, solange ich mich erinnern kann. Und wenn wir nicht gerade Musik gemacht haben, spielten wir Baseball. Wir waren alle baseballverrückt!

Marlon: Und Kricket!

Jackie: Kricket? Wohl eher Ghetto-Kricket!

ZEIT: Was ist Ghetto-Kricket?

Jackie: Wir hatten keine Bälle wie die, mit denen die reichen Weißen Kricket spielten, und nahmen deswegen alte Bier- oder Coladosen. Aber das Spiel war das gleiche. Nur eben für arme Ghetto-Kinder.

ZEIT: Angeblich begann Ihre Karriere mit einem Wutanfall Ihres Vaters Joe.

Tito: Stimmt. Mein Vater und mein Onkel sangen an den Wochenenden, wenn sie nicht arbeiten mussten, alte Bluessongs bei uns zu Hause. Mein Vater hasste es, wenn wir auf seiner Gitarre spielten. Natürlich taten wir es trotzdem, was unsere Mutter duldete, und einmal riss mir dabei eine Saite. Vater flippte aus, verprügelte mich heftig mit seinem Gürtel und forderte mich dann auf: Zeig, was du auf der Gitarre draufhast! Ich weinte vor Schmerzen, aber spielte. Was er hörte, gefiel ihm dann so gut, dass er mir von da an erlaubte, die Gitarre zu benutzen. Er forderte mich sogar auf, Songs aus dem Radio zu lernen. Also spielte ich die Hits der Temptations und ähnlicher Musiker nach. Ich war neun Jahre alt.

Jackie: Er hat sich das alles selber beigebracht – jeden Tag einen neuen Song. Damit fing alles an.

ZEIT: Was sind die Vorteile, wenn man mit seinen Brüdern in einer Band ist? Und was die Nachteile?

Tito: Es ist ein großer Vorteil, wenn man Menschen so gut kennt wie seine eigenen Brüder. Das macht die Kommunikation einfacher. Wir hatten immer die gleichen Ziele und Träume. Der Nachteil ist ...

Jackie: ... dass wir eben Brüder sind. Man kann einen Bruder nicht einfach so vor die Tür setzen wie einen Fremden. Auch wenn man das gerne getan hätte. Oft sogar. Man kann sich von seiner Frau scheiden lassen, aber nicht von seinen Brüdern.

ZEIT: Ich kenne viele Geschwister, die kein Wort mehr miteinander wechseln!

Tito: Tja, das stimmt natürlich. Aber wenn ein Bruder oder eine Schwester wirklich in Not ist, ist jeder Streit vergessen. Man verträgt sich eher wieder mit seinen Brüdern als mit Fremden. Bei uns zumindest war das so.