Martin Walser will keine Autobiografie schreiben. Er sei, sagt er, hinreichend in seinen Romanfiguren enthalten. Das müsse genügen. Der nüchternen, unliterarischen Mitteilung über sich selbst misstraut er ohnehin – wie jeder öffentlichen Sprache. Nichts ist dem 90-jährigen Autor so fremd wie beispielsweise Sachlichkeit. Nein, Walser wohnt dichterisch in der deutschen Sprache.

Der Ersatz für die Autobiografie, die es nicht geben wird, ist das neue Gesprächsbuch zwischen Jakob Augstein und Martin Walser. Ein Buch, das allein deswegen neugierig macht, weil der Autor beinahe achtzig und der Journalist beinahe vierzig Jahre alt war, als sich die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den Häusern Walser und Augstein dahin gehend klärten, dass Martin Walser als Vater des 1967 geborenen Spiegel- Erben Jakob Augstein gelten darf. Das war im Jahr 2005. Walsers Freund Rudolf Augstein war seit drei Jahren tot, als Vater und Sohn sich zum ersten Mal in einem Münchner Hotel trafen. "Wegen der bürgerlich unvermeidbaren Umstände" (Martin Walser) sind sie sich niemals zuvor begegnet – Jakob Augsteins Mutter Maria Carlsson war von 1968 bis 1970 mit dem Spiegel- Gründer verheiratet.

Und um alle sofort zu enttäuschen: Über den Abstammungs- und Erbschaftskrimi der beiden prominenten Väter, der aus einem Walser-Roman stammen könnte, macht der überlebende Vater in diesem Buch nur Kürzestmitteilungen der allernüchternsten Sorte. Jakobs Mutter, sagt Walser, habe ihn telefonisch jahrelang "auf dem Laufenden gehalten". Er glaube jedoch nicht, dass er "damals schon" von seinem Sohn gewusst habe. Er habe leider "für solche Sachen gar kein Gedächtnis". Der erste Brief des unbekannten Sohnes war dann jedoch – hier wird Walser wieder dichterisch: "die Wirklichkeitswerdung eines Gedankens".

Ein Gespräch kann man das kaum nennen. Die Fragen stellt der Sohn in einer seltsamen Doppelrolle als ein mit endlosen Vater-Zitaten bewaffneter Literaturspezialist und als staunender Familienneuzugang, der sich artig nach den Verwandten erkundigt. Wie liefen die Geschäfte im Gasthof und in der Kohlenhandlung der Familie damals in Wasserburg? Hat die Großmutter ihre Söhne unterschiedlich behandelt? Fühlte der Vater sich der Großmutter oder dem Großvater näher? Wie alt war der Vater, als der Großvater starb? War die Großmutter warmherzig? Hat der Großvater die Söhne mit dem Kochlöffel geschlagen?

Das alles hat Walser schon oft erzählt, die Elementarteilchen des Walser-Kosmos – das dörfliche Bodensee-Soziotop, der eigenbrötlerische, theosophische Vater, der kleinbürgerliche Existenzkampf der früh verwitweten Mutter, die Sorgen um das Gasthaus am See – kennt man seit dem autobiografischen Roman Ein springender Brunnen. Jakob Augstein vermeidet inquisitorische Nachfragen, wie sie deutschen Vätern aus der Flakhelfergeneration von ihren Söhnen früher einmal gestellt wurden. Auch das macht das Buch so einzigartig: Dieses deutsche Vater-Sohn-Gespräch kommt mit ungewöhnlicher historischer Verspätung. Der Gesprächston ist entsprechend: milde, an der Grenze zum Therapeutischen – ein Fünfzig- und ein Neunzigjähriger begutachten im späten Abendlicht das Narbengewebe aus längst vergangenen Schlachten.

Die Vorsicht ist verständlich. Vater und Sohn stehen unter verschärfter Beobachtung. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum setzte die Israel-Kommentare von Jakob Augstein im Jahr 2012 auf die Top-Ten-Liste der weltweit gefährlichsten antisemitischen Verunglimpfungen. Der damalige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, fand, Jakob Augstein schüre in seinen Kommentaren zu Israel "fahrlässig antijüdische Ressentiments". Martin Walser geriet im Jahr 1998 in die Kritik des damaligen Zentralratsvorsitzenden Ignatz Bubis, der ihn nach der Paulskirchen-Rede einen "geistigen Brandstifter" nannte. Bedeutende Teile der deutschen Literaturkritik schlossen sich den Thesen einer Doktorarbeit an, die "antisemitische Stereotype" im Werk Walsers für nachweisbar hielt, und erklärten den Autor nach der Veröffentlichung des Romans Tod eines Kritikers zu einem deutschtümelnden Salon-Antisemiten. Die Beweislage für all das war dürftig. Auf ihren Lesungen wurden Walser und Augstein danach jedoch von den Sprechchören der Antifa begrüßt. Keine ganz idealen Voraussetzungen für ein entspanntes Vater-Sohn-Gespräch über Deutschland.

Worüber redet man in so einer Lage? Walser verteidigt sich gegen Vorwürfe, die sein Sohn gar nicht erhoben hat. In Wasserburg habe man von Auschwitz nichts gewusst. Das "Nazisein" habe zum "Wasserburgsein" nicht gepasst. Das könne man nicht nachträglich korrigieren, nur weil die deutsche Literaturkritik sich das anders wünsche. Auch habe er, anders als seine Gegner behaupten, die deutsche Schuld an Auschwitz niemals infrage gestellt. Er habe sich in seiner Paulskirchen-Rede, in der er zum Entsetzen von Ignatz Bubis von "der Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken" gesprochen habe, lediglich gegen linke Autoren wie Günter Grass oder Walter Jens gewehrt, weil sie die deutsche Teilung als legitime Sühne für Auschwitz verstanden wissen wollten. Darin, in der bedingungslosen Verteidigung der deutschen Teilung wegen des Holocaust, habe er die Instrumentalisierung von Auschwitz gesehen. Augstein eilt dem Vater nachträglich zu Hilfe: "Ich glaube, du hast in der Paulskirche sozusagen das ultimative Experiment auf der Suche nach der freien Rede gemacht." Doch Walser wehrt ab: Er habe auch Fehler gemacht. Er hätte aus Auschwitz kein essayistisches Thema machen sollen, mit Zitaten von Hegel und Heidegger. Verglichen mit dem Tatbestand Auschwitz sei das Quatsch gewesen. Walser sagt das dreimal: "Quatsch, Quatsch, Quatsch." Ignatz Bubis hätte das sicher gerne noch gehört. In dem großen FAZ- Streitgespräch zwischen Martin Walser, Salomon Korn und Ignatz Bubis hat der 1999 verstorbene Zentralratsvorsitzende auf so ein erlösendes Wort vergeblich gewartet.