Heulende Wut, überbordende Kreativität, grenzenloser Utopismus: 60 Künstlermanifeste, gesprochen von der Schauspielerin Cate Blanchett. Mal speit sie als Trauerrednerin den Hass der Dadaisten aus, mal feiert sie als Börsenmaklerin mit den Worten der Futuristen Geschwindigkeit und ewige Veränderung. Sol LeWitts Paragraphs on Concept Art werden von Blanchett in roboterhaftem CNN-Sprech in die Kamera gebellt, als seien sie Breaking News: "All current art is fake."

Frei und assoziativ (und oft humorvoll) hat der Künstler Julian Rosefeldt all diese Manifeste und ihre Schauplätze zusammengeführt. In seiner Installation Manifesto laufen die 12 Szenen mit je 15 Minuten Länge gleichzeitig auf im Museumssaal verteilten Leinwänden. Für den Kinofilm wurden diese vielen Stunden Material jetzt auf 94 Minuten eingedampft. Dass sie dadurch kaum an Eindringlichkeit verlieren, liegt nicht nur an Rosefeldts detailverliebter Regie, sondern auch an Cate Blanchetts Kunst. An der ergreifenden Art, wie ihre Stimme vor Gram brüchig wird, als sie der versammelten Trauergemeinde offenbart, dass auch Dada scheiße sei, sie aber von nun an "in verschiedenen Farben scheißen" werde. Oder an der wegwerfenden Geste, mit der sie als russische Choreografin ihrem Assistenten mit der Zigarette auf den Notizblock ascht, während sie den Tänzern des Friedrichstadtpalastes die Thesen der Avantgardebewegung Fluxus entgegenfaucht.

Immer wieder gibt es auch eine schöne Ironie. Die wichtigsten Manifeste der Architektur verhöhnen eine zerknitterte Blanchett, die auf dem Moped von ihrem tristen Wohnblock vorbei an einschüchternden Hochhausklötzen zu ihrem Arbeitsplatz fährt: einer Müllverbrennungsanlage. Der Film, ebenso wie die Installation, beginnt mit einer brennenden Zündschnur und den Worten "All that is solid melts into air". Doch die Feuerwerkskörper der entfesselten Moderne explodieren über dem Kopf eines besoffenen Obdachlosen. Blanchett mit Bart wettert gegen Raubtierkapitalismus, die Leere und Korrumpiertheit der Bourgeoisie, während sie durch Ruinen der Nachkriegsmoderne torkelt.

Mag Julian Rosefeldt die Moderne etwa nicht? Ganz im Gegenteil: Es gehe doch gerade darum, sagt er, ihre Errungenschaften zu verteidigen. "Mich interessiert: Hat die Moderne ihre Verheißungen eingelöst?" Der 1965 geborene Künstler sitzt im Büro des deutschen Verleihs seines Films, der Blick schweift über umgenutzte Industrierelikte in Prenzlauer Berg. Während Rosefeldt über Videokunst, Genrefilme oder die Schwierigkeit spricht, seinen drei Kindern ein Handy zu verwehren, zeichnen seine großen Hände präzise Formen in der Luft. Die Wörter "faszinierend" und "wahnsinnig" durchziehen viele seiner sanft gesprochen Sätze, er ist ein Stauner, ein Wühler: ein Archäologe der Bilder.

Zentral ist für seine Arbeit die Künstlichkeit der Bildproduktion. "Ich verspüre eine große Faszination für die Alchemie des Filmemachens", sagt er. "Wie werden im Kino Mythen und Realitäten fabriziert?" Während seines Architektur-Studiums habe er alle möglichen Jobs gehabt, die "das Bildermachen umkreisten". Kulissenschieber am Theater war er, Kabelträger beim Fernsehen, Ausstellungsaufbauer für Auktionen und schließlich Fotograf. Mit seinem Kommilitonen Piero Steinle wandelte er sich zum Videokünstler, ohne je ein Haus gebaut zu haben. Die Nationalgalerie zeigte Ende der neunziger Jahre eine ihrer ersten Arbeiten, Detonation Deutschland, ein Zusammenschnitt von Gebäudesprengungen der Nachkriegszeit. "Da waren wir in Lichtgeschwindigkeit in den obersten Gefilden der Kunstwelt angekommen", erzählt Rosefeldt immer noch leicht erstaunt.

Seither produziert Rosefeldt im Jahrestakt Arbeiten, die bei der Ruhrtriennale, in der Galerie König in Berlin oder auf der Armory Messe in New York gezeigt werden. Der cineastische Stil seiner Arbeiten gleicht mit langsamen Kamerafahrten, ruhigem Schnitt und meditativen Totalen eher hypnotischen Autorenfilmen als nervöser Videokunst. Vom Architektur-Studium geblieben ist das Interesse an Räumen – und an Kulissen. Bei Julian Rosefeldt trifft die Auseinandersetzung mit der gebauten Umgebung auf die Untersuchung der konstruierten Realität. Oft wirken seine Filme, als hebe man einen Stein an, um zu sehen, was drunter so krabbelt: etwa die produzierende Crew.

In Lonely Planet von 2006 tanzt ein westlicher Rucksacktourist durch ein bollywoodhaftes Indien, das sich als Filmset entpuppt. In dem lustvoll inszenierten Spektakel Deep Gold von 2014 wankt ein Smokingträger, direkt aus Buñuels L’Âge d’Or gefallen, durch eine schwarz-weiße Stadt, die von einer feministischen Revolution erschüttert wird. Er landet in einem Nachtclub, wo die Geschlechter- und Kleiderordnung durch Kokainkonsum und die Sängerin Peaches vollständig aufgelöst wird. Daneben genehmigt sich das Drehteam eine Zigarettenpause. Bei In the Land of the Drought (2017) umschwärmen zukünftige Archäologen verfallende Filmsets in der Wüste Marokkos.

Rosefeldts Arbeiten waren schon selbst Kulisse: In Tom Tykwers Thriller The International ballern sich die Protagonisten in einem fiktionalen Guggenheim Museum durch eine Soloshow des Künstlers. Für Thomas Ostermeiers Schaubühne fertigt Rosefeldt Videoarbeiten als Bühnenausstattung. Über Ostermeier lernte er auch Cate Blanchett kennen: Blanchett leitete gemeinsam mit ihrem Mann die Sydney Theatre Company, die ihre Stücke an der Schaubühne zeigte. Auf einer Vernissage entstand die Idee, zusammenzuarbeiten.

Als sich Rosefeldt für Deep Gold ("zum ersten Mal seit dem Kunst-Leistungskurs") mit Manifesten befasste, kam ihm der Gedanke, diese Texte von Blanchett sprechen zu lassen. "Dabei interessierte mich: Haben diese Texte noch Aktualität?" Der große Publikumserfolg der weltweit gezeigten Installation, die aufgeregten Fragen bei Podien, 600 New Yorker Schüler, die nach dem Besuch der Ausstellung Manifeste schrieben, all das beweist, wie aktuell die Schriften sind. "Der Populismus ist laut und wütend, aber komplett leer. Das ist nur Lautstärke", findet Rosefeldt. "Die Manifeste sind manchmal auch laut und wütend, aber voller Kreativität, Poesie und Inspiration." Ihre Aktualität liege nicht im Inhalt, sondern in der Geste: "Zu sagen, du musst heute, jetzt, sofort handeln. Sie sind ein Weckruf."