DIE ZEIT: Herr Wasmuth, der Hamburger Senat will ab 2025 in der Fernwärmeversorgung der Stadt auf Kohle verzichten. Können wir darüber offen sprechen?

Pieter Wasmuth: Ja, natürlich.

ZEIT: Können Sie es sich denn überhaupt leisten, die Hamburger Regierungsparteien öffentlich zu kritisieren? Immerhin ist Ihr Unternehmen ein Partner der Stadt. Bei allem, was Sie tun, brauchen Sie die Unterstützung der Politik.

Wasmuth: Ich weiß nicht, ob wir mehr als andere darauf angewiesen sind, uns mit der Politik auszutauschen. Fakt ist, dass die Stadt an unserer Fernwärme-Gesellschaft mit 25,1 Prozent beteiligt ist. Trotz dieser Sperrminorität haben wir vereinbart, dass alle Investitionsentscheidungen einstimmig getroffen werden. Wir als Vattenfall können ohne Zustimmung der Stadt nichts entscheiden, die Stadt ohne uns aber auch nicht. Das ist aus meiner Sicht der Situation auch angemessen.

ZEIT: Der Kohleausstieg wurde demnach einvernehmlich beschlossen. Fiel Ihnen die Zustimmung schwer?

Wasmuth: Vattenfall will innerhalb einer Generation aus fossilen Brennstoffen in allen Ländern aussteigen. In Hamburg arbeiten wir schon seit vielen Jahren daran, eine Alternative zum Kohlekraftwerk in Wedel zu realisieren und das alte Kohlekraftwerk abzuschalten. Die Idee, Tiefstack ...

ZEIT: ... das andere Kohle- Heizwerk der Hamburger Fernwärmeversorgung ...

Wasmuth: ... im Rahmen einer großen Revision auf Gas umzurüsten, ist Ergebnis unserer Überlegungen. Die Frage, wann man komplett auf Wärme aus Kohle verzichten kann, wird letztlich aber auch zu der Frage, welche Kostensteigerungen man dem Fernwärmekunden zumuten kann. Da wir die Berechnungen der Behörde für Umwelt und Energie zu den preislichen Auswirkungen nicht kennen, können wir den genannten Termin für den Kohleausstieg nicht abschließend beurteilen.

ZEIT: Der Senat will zum Ersatz des alten Kraftwerks in Wedel kein neues Kraftwerk bauen, sondern Abwärme aus unterschiedlichen Quellen nutzen. Sie haben diese Lösung einmal die bestmögliche genannt. Warum?

Wasmuth: Generell sind wir davon überzeugt, dass die Erschließung vorhandener Wärmequellen und deren Anschluss an unser Fernwärmesystem die bestmögliche Lösung für eine zukunftsfähige Versorgung ist. So können die CO₂-Emissionen pro versorgter Wohneinheit nachhaltig gesenkt und ein Beitrag zur Erreichung der Hamburger Klimaschutzziele geleistet werden.

ZEIT: So originell ist die Idee, statt klimaschädlicher Brennstoffe Industrieabwärme zu nutzen, ja nun auch wieder nicht. Warum muss Hamburg warten, bis mal die Grünen mitregieren, damit diese Frage endlich untersucht wird?

Wasmuth: Es ist nicht so, dass wir uns nicht auch schon mit der Frage der industriellen Abwärme beschäftigt hätten. Es gibt jedoch technische Herausforderungen, die nicht leicht zu überwinden sind. Wir benötigen zum Beispiel in unserem Gesamtsystem der Fernwärmeversorgung an extremen Wintertagen eine Systemtemperatur von über 130 Grad, dies ist historisch bedingt. Das heißt, jede Wärmequelle muss 130 Grad warmes Wasser liefern. Die industrielle Abwärme des Kupferunternehmens Aurubis oder Wärmepumpen kommen nicht auf diese Temperatur. Das gelieferte Wasser muss zusätzlich erhitzt werden, um es für das System nutzen zu können. Somit muss darüber nachgedacht werden, was dafür zusätzlich investiert werden muss und was es kosten darf, damit es am Ende für den Kunden auch noch bezahlbar bleibt.