Gerade zwei Jahre ist es her, dass Martin Geck ein schmales, aber dichtes Buch über Beethovens Symphonien veröffentlichte. Nun hat er, Emeritus der Musikwissenschaft in Dortmund, in einem langen Forscherleben schon einiges und Kluges über Beethoven geschrieben, über Bach und Buxtehude, Mozart, Schumann, Mendelssohn, Wagner, aber auch über Matthias Claudius und gerade noch einen Band über Luthers Lieder. Jetzt ein weiteres, vierhundertfünfzig Seiten schweres Werk über Beethoven, vorne drauf das offenbar unvermeidliche Idealkonterfei von Joseph Karl Stieler (das vor gerade fünf Jahren schon die letzte dicke Beethoven-Biografie von Jan Caeyers verpackte), dazu der nicht eben bescheidene Untertitel Der Schöpfer und sein Universum: Gerade wer Martin Geck mag, weil er ihn, mit 81 noch temperamentvoll lehrend, erlebt hat, sah dieses Noch-einmal-zu-Beethoven mit stiller Besorgnis kommen. Was wäre denn noch Substanzielles zu sagen?

Dem begegnet der Autor mit feiner Ironie und, eine Gecksche Spezialität, indem er sein Autorensubjekt mit ins Bild nimmt wie ein Maler, der am Rande seines Gegenstands sich selbst mitmalt, nämlich seinen Blick auf die Sache. Denn, so bevorwortet Geck sein Unterfangen, universal sei ja in der Tat der Weltmusiker Beethoven, er selbst aber, der Deuter, wolle nun "nicht länger als Fachmann ex cathedra schreiben", sondern sehe sich als "Sänger im Chor der vielen Stimmen" der Beethoven-Exegese, mit Liebe und Sorgfalt als wichtigsten Werkzeugen der Erkenntnis.

Eigene, sehr freie Gedankenflugbahnen

Damit ist die Tonart für das Folgende gewählt, die Demut vor der Sache mit der für Musikwissenschaftler seltenen Kühnheit verbindet, ich zu sagen, das fragende, erkennende Subjekt zum sichtbaren Teil der Geschichte zu machen. Dieses wiederum reflektiert sich hier in den Reflexen einer ausgesprochen bunt zusammengewürfelten Schar von Beethoven-Bewunderern und -Bezugsgrößen. Denen also, auf die Beethoven, so oder so, wirkte, und denen, die auf ihn wirkten: Napoleon, natürlich, Shakespeare, Bach, dann die Zeitgenossen, der katastrophal geliebte Neffe und die unerreichte "unsterbliche Geliebte", Jean Paul, Schubert, schließlich eine komponierende, interpretierende, denkende Nachwelt, Hegel und Adorno, Wagner und Mendelssohn, Furtwängler und Glenn Gould, Aldous Huxley, Romain Rolland, Gilles Deleuze und Paul Nizon. Das ist das Spielprinzip des Buchs. Keine Biografie, im Grunde auch keine Rezeptionsgeschichte. Keine Chronologie. Der Verfasser schafft Ordnung, indem er die (inklusive eines ironisch nachgereichten "Goethe") 37 Personenkapitel zu zwölf Themen bündelt, es geht von "Titanismus", "Phantastik" und "Transzendenz" über "Struktur und Gehalt" und Klavierspielen bis zu "Beethoven en France".

Wer nun das "Universum" und den "Schöpfer" im Titel etwas überdimensioniert fand, wird mit Blick ins Inhaltsverzeichnis vielleicht eine Brechung ins zufällig Kleinteilige fürchten. Und irrt. Denn Napoleon, Hegel, Gould und Deleuze sind für Geck vor allem Sprungschanzen für seine eigenen, sehr freien Gedanken-Flugbahnen. Die Tempowechsel am Beginn der Sturm-Sonate etwa lassen den Verfasser an einen Säugling denken, der nach dem Schlummer die Augen aufschlägt und zu strampeln beginnt. Man muss es nicht so sehen, und die Zunft wird es nicht so sehen. Die Assoziation versteht sich als Einladung, den auf dem Wege der Analyse fast immer übersehenen "körpersprachlichen Gestus" dieser Musik überhaupt erst einmal wahrzunehmen. Gerade das Wütende, Gewaltsame bei Beethoven, wenn es uns rüttelt und schüttelt, entzieht sich der Durchleuchtung nach harmonischen Verläufen und ausgezählten Perioden. Geck deutet die späte Streichquartett-Fuge op. 133, die den Zeitgenossen "chinesisch" vorkam und der Nachwelt wie Neue Musik zur Unzeit, in der Spannung zwischen kontrapunktisch höchster, Bach-basierter Ordnungskunst und einem Ausdrucksfuror "von bis dahin nicht gekannter Subjektivität – ein einziger Schrei".

Die Verführung liegt nahe, Martin Gecks neues Beethoven- Buch selbst als eine Große Fuge zu sehen, Summe eines lebenslangen Denkens über Musik und des Denkens in Musik. Beim zweiten Lesen werden die feinen Fäden sichtbar, mit denen er jedes Kapitel verknüpft, der souveräne Umgang mit der eigenen Belesenheit, die sich Anregungen in einem weit überschauten Feld holt. Im längsten, brillant komponierten Kapitel schickt Geck den weltverzweifelnden, dabei naturfrommen Beethoven des Heiligenstädter Testaments auf einen Spaziergang mit Rousseau, man begegnet aber auch Karl Heinz Bohrer und dessen Kategorie des "Wahrnehmungsschocks", Julia Kristevas triebbewegtem "Genotext", von hier geht es über Roland Barthes, Boulez, Adorno zurück zu Rousseau und weiter zu Henze.

Ein freier Kopf

Aber nichts von Namedropping, alles im Modus des aufmerksamen Spaziergängers. Dabei ist wie nebenbei Wesentliches über Beethovens wesentlichste Musik zu erfahren, ein Register erschließt das Universum auch von dieser Seite. Und Rousseau wird zum Zeugen von Beethovens Wandel vom Idealisten zum Realisten, der in der Kunst nicht mehr zusammenzwingen muss, was sich im Leben nicht fügen will. "Mit einiger Wehmut" bemerkt Geck, dass ein Literaturwissenschaftler wie Bohrer die Kategorien des Diskontinuierlichen, Ekstatischen, Kontingenten als zentral für die Moderne erkennen kann, "während die Musikästhetik [...] ihren Schwerpunkt unbeirrt auf den Nachweis von Stimmigkeit, Folgerichtigkeit und konsequenter Prozesshaftigkeit legt". Und damit am Entscheidenden gelegentlich vorbeisieht.

Damit wird er sich in den musikwissenschaftlichen Vereinsheimen nicht beliebt machen. Aber darüber ist dieser freie Kopf längst hinaus. "Beethoven ist der Denker in Tönen schlechthin", sagt Geck, sein Nach-Denker. Womöglich ist das beste Buch zum anrollenden Beethoven-Jahr 2020 schon erschienen.

Martin Geck: Beethoven – Der Schöpfer und sein Universum.
Siedler Verlag, München 2017; 512 S., 26,– €, als E-Book 20,99 €