Eins, zwei und drei. Hier sind sie, die schönsten Naturbücher des Jahres, über Vögel, schlafende Faultiere oder das leise Knirschen der Gelbkiefer. Und hier: Band vier und fünf! Über Haustiere, Hund, Katze, ja, auch Silberfischchen. Naturfotos. Sechs, sieben, Oktopus oder der Schuppenkehl-Schattenkolibri im Anflug auf sein kunstvolles Nest. Wer die Naturbücher des Jahres versammelt, kann sie hoch stapeln wie Bauklötzchen, im Affenzahn wächst einem ein Turm entgegen! Was für ein Reichtum! Gefühl des Beschenktseins.

Gleichzeitig – Gefühl der Beklemmung. So viele? Die kindliche Urerfahrung signalisiert Gefahr: Ein Stups, und alles kollabiert doch, dann rumsen die Genies der Lüfte auf den Gesang der Bäume, knallen auf das Rendezvous mit einem Oktopus, die Nashörner krachen auf Haustiere, diese auf Nester, diese Kunstwerke der Natur. Dann wäre man wieder auf dem Boden unserer alltäglichen Horrormeldungen über die Natur angekommen.

Neulich auf Facebook, Clip vom Wal, der sich endlos erbricht: Hunderte von Plastiktüten.

Das Bild der bangen Elefantentruppe an einem Abhang, um sie herum alles weggeholzt.

Die Vernichtung von Bäumen, die Abertausende von Jahren gewachsen sind, ihre Verhäckselung, Verklebung zu Pappkartonhäusern.

Rückgang der Insekten um 75 Prozent. Verstummen der Vögel, in zwölf Jahren gingen in Deutschland 12 Millionen Vogelbrutpaare verloren. Es wird England nichts nützen, sich von Europa loszusagen, im Country der Birdlover wurde ein Rückgang der Vögel um bis zu 60 Prozent beobachtet, wie in Europa. Dieser ganze verdammte Kahlschlag.

Das Naturfoto des Jahres ist das Bild eines Nashorns mit klaffender Wunde im Gesicht, wo sein Horn abgehackt wurde.

Und das anrührendste Naturbuch des Jahres ist deshalb das Bändchen Nashörner. Requiem für eine untergegangene Spezies.

Man blättert also das kleine Nashornbuch auf, und es ist so, als sähe man im Zeitraffer das Aufblühen einer Blüte und wisse schon auf Seite 1, es endet nicht gut. Wobei es in der Natur oft so ist, dass dem Vergehen ein neuer Anfang folgt. Frühling. Das wäre die Hoffnung.

Fühlen, was passiert

Es fühlt sich tatsächlich an wie ein herrlicher Beginn, wenn man das Buch des Biologen David G. Haskell aufschlägt. Titel: Der Gesang der Bäume. Haskell startet sein Buch in der Krone eines Baumes. Es ist ein Kapokbaum, er steht in Ecuador. Alter: 150 bis 250 Jahre. Haskell hockt, in 50 Meter Höhe, in dieser Krone, die wie eine Bergkuppe aus dem Regenwald herausragt, da oben also sitzt der Biologe aus Tennessee und horcht in den Regen.

Er öffnet die Ohren für den Sound, wie Tropfen auf Blätter prallen, wie sie abperlen, zu Boden fallen, mit welchem Geräusch. Er horcht auf die Tiere: Meckern, Heulen, Pfeifen, Kreischen, Summen, Murmeln. Er beäugt die Pflanzen, die sich auf dem Baum angesiedelt haben, Bromelien, Flechten, Farne, Moose.

Forschungsansatz: Demut. Methode: Ohren und Augen auf. Der Körper des Forschers ist Resonanzboden. Fühlen, was passiert. Die Rede ist von einem durch Vorsicht, Neugier, Abwarten gestalteten Bildungsprozess.

Historisch gesehen ist Bildung im Kontext der westlichen Gesellschaften, wie jüngst auch in dieser Zeitung beschrieben, aus dem Auftrumpfen eines anthropozentrischen Machtanspruchs entstanden. Der Mensch empfindet sich, nicht den Baum, als Krone der Schöpfung. Homo sapiens räumte mit überlegenem Gestus in der Schöpfung auf und verwies Pflanzen und Tieren auf ihre Plätze in einer von ihm, dem Menschen, erdachten Ordnung. Das führte dazu, dass der Mensch in dieser Ordnung immerzu dem eigenen Denken begegnet. Was ihn hinderte, zu bemerken, wie er auf wie furchtbare Weise bedrängt und beschädigt, was ihn umgibt. "Umdenken oder untergehen!" lautete der Titel dieses Artikels (ZEIT Nr. 44/17). Die neuen Naturbücher lesen sich so, als hätten ihre Autoren das kapiert, also solche wie Haskell.

Auf der Suche nach Würmern

"Wir alle, ob Bäume, Menschen, Insekten, Vögel oder Bakterien, sind nicht eins, sondern viele", schreibt er. Die Dualität Mensch/Natur – eine Illusion. Die Rede ist von einer neuen "Ethik der Verbundenheit". Haskell beschreibt sie als "ökologische Ästhetik", als Aufgabe, die Schönheit zu erkennen, die in den Beziehungen aller Lebensgemeinschaften liege.

Das ist weit entfernt von der grassierenden Öko-Folklore, in der Menschen nur Umweltschädlinge sind. Der Mensch darf schon dabei sein, etwa auf einem Baum. Oder auf einer Wiese, wie Bauer John Lewis-Stempel in seinen Gummistiefeln, der da steht und guckt.

Ein Stück Land heißt sein Buch, das den Jahreszeiten folgt. Man ist dabei, wie der Dachs Kuhfladen wendet, auf der Suche nach Würmern. Beerdigung eines Marders. Heckendickicht aus Ilex, Erle, Weißdorn, Hasel, Feldahorn. Dichter Wordsworth kommt zu Wort.

Eine Wiese wird zum Klangraum eines pulsierenden Miteinander in Erleben und Erinnern. Die Wiese kann auch ein See sein. In dem Buch Mein Jahr im Wasser beschreibt eine junge Kanadierin, wie sie sich aus einer Berliner Depression rettet, indem sie einmal in der Woche einen der 3.000 Seen im Umfeld der Stadt aufspürt. 52 Mal, 52 Seen.