Vor 75 Jahren, im Juni 1942, legte Konrad Meyer, Agrarwissenschaftler und SS-Sturmführer, der deutschen Führung wunschgemäß den "Generalplan Ost" vor. Seine Strategie: Die Bevölkerung in Polen und weiten Teilen der Sowjetunion solle getötet oder vertrieben werden (Meyer rechnete mit 30 bis 50 Millionen Menschen), um Platz zu machen für "germanische" Siedler. Die Menschen, deren millionenfachen Tod Meyer plante, um "Lebensraum" für das Deutsche Reich zu schaffen, galten den Nazis als "rassisch minderwertig", ungeachtet ihrer jeweiligen Nationalität.

Meyer machte den rassistischen Hass gegenüber der Bevölkerung Osteuropas und der Sowjetunion zur Grundlage planmäßigen Handelns. Das andere zentrale Axiom nationalsozialistischer Ideologie, der auf Vernichtung zielende Antisemitismus, hatte zu diesem Zeitpunkt bereits Millionen jüdischer Opfer gefordert. Die Lebensraumideologie und der radikale Antisemitismus ergänzten einander in dem Bestreben, ein deutsches Kolonialreich im Osten Europas zu errichten.

Das Morden hatte dort schon vor dem "Generalplan Ost" begonnen: Vor allem im Westen Polens, der vollständig "germanisiert" werden sollte, hatten die Deutschen seit 1939 Zehntausende Menschen erschossen. Wo immer die Deutschen auf Widerstand stießen, töteten sie die polnische Bevölkerung systematisch. Allein während des Warschauer Aufstands 1944 ermordeten SS-Brigaden zwischen 100.000 und 150.000 unbewaffnete Zivilisten, Millionen weitere erlitten Deportation und KZ-Haft.

Doch die deutsche Vernichtungspolitik gegen die slawische Bevölkerung endete nicht an der Ostgrenze Polens. Sie steigerte sich noch nach dem Überfall auf die Sowjetunion: Drei Millionen sowjetische Kriegsgefangene wurden erschossen oder kamen durch Hunger ums Leben, eine Million Einwohner Leningrads starben während der Blockade ihrer Stadt. Die Bewohner vieler Städte und ganzer Regionen wurden als "überflüssige Esser" von der Versorgung abgeschnitten und willentlich dem Hungertod preisgegeben. Wie in Polen wurde Partisanenwiderstand mit dem Mord an der Bevölkerung ganzer Landstriche bekämpft. Insgesamt fielen der deutschen Mordpolitik in der Sowjetunion vier bis fünf Millionen Menschen zum Opfer.

Im Jahr 2005 fand die deutsche Schuld an der Vernichtung von sechs Millionen europäischen Juden endlich Anerkennung durch die Errichtung der Gedenkstätte nahe dem Reichstag. Seitdem sind weitere Mahnmale entstanden, für ermordete Sinti und Roma, Behinderte und Homosexuelle. Die Mordpolitik gegen die nichtjüdische Bevölkerung Osteuropas aber ist ein Randthema geblieben. Diese Schuld endlich zu thematisieren ist überfällig.