Die Türkei der achtziger Jahre war ein vollkommen anderes Land als heute. In Deutschland müsste man für einen ähnlich großen Zeitsprung wahrscheinlich bis in die Fünfziger zurückgehen. Türkische Jahre zählen doppelt. Der Kemalismus regierte damals uneingeschränkt (das Militär hat wieder einmal geputscht), aber das Leben der Leute auf dem flachen Land wird davon nur am Rand berührt. Und das flache Land erstreckt sich in dieser Zeit noch weit hinein ins heutige Stadtgebiet von Istanbul. Dort, im Dorf Öngören, verdingt sich der 16-jährige Cem – er ist der Ich-Erzähler – als Gehilfe des Brunnenbauers Mahmut. Eigentlich ist das eine Schande für den Oberschüler aus der Stadt; aber da sein Vater, ein marxistischer Apotheker, mal wieder spurlos verschwunden ist – ob im Gefängnis oder in den Armen einer Geliebten, weiß seine Familie nicht so genau –, muss er irgendwie das Geld für die Paukschule aufbringen, damit er im Herbst studieren kann.

Brunnen zu graben ist damals nicht ungefährlich. Die Technik hat sich seit biblischen Zeiten kaum geändert; der Baumeister arbeitet am Grund des sich langsam vertiefenden Schachts mit Pickel, Schaufel und Eimer, woraufhin sein Gehilfe den Eimer mit einer Winde hochkurbelt und ausleert: ein riskantes Werk. Doch trägt das Leben auf dem Land bei aller Härte auch träumerische Züge. Zur Mittagszeit rasten die beiden unter einem Baum, und Cem hört Mahmuts Geschichten zu; langsam verwandelt sich ihr anfangs eher zufälliges Verhältnis in eines von Meister und Geselle, ja von Vater und Sohn. Mahmut ist trotz seiner 43 Jahre unverheiratet und kinderlos. Cem erfährt bei ihm zum ersten Mal die Nähe einer verlässlichen Autorität.

Eines Abends streift er ziellos in dem langweiligen kleinen Ort umher, kauft Zigaretten für den Meister – da widerfährt ihm wie ein Blitzschlag die Begegnung seines Lebens: Eine rothaarige Frau steht vor ihm und sieht ihn an, dass es ihm durch und durch geht. Auf ein zweites Mal muss er lange warten; er tut es mit der schwärmerischen Inbrunst der ersten Liebe. Nur allmählich findet er heraus, dass sie zu der wandernden Schauspieltruppe gehört, die im gelben Zelt vor den Rekruten auftritt, die hier stationiert sind. Cem gelingt es, sich einzuschleichen, er sieht sie bei ihrer großen Szene: als die trauernde, weinende Mutter, die den Leichnam ihres Sohnes Sohrab in den Armen hält, unerkannt im Kampf erschlagen vom eigenen Vater Rostam, eine alte persische Legende. Danach nimmt die Rothaarige, die durch ihren Beruf und ihre Haarfarbe als ungewöhnliche und ungewöhnlich freie Frau beglaubigt wird, die Sache in die Hand und beschert dem schüchternen, halb so alten Cem die unvergessliche erste Liebesnacht seines Lebens. Als es am nächsten Tag wieder ans Brunnenbauen geht, lässt Cem versehentlich den vollen Eimer in den zwanzig Meter tiefen Schacht fallen, er hört einen Schrei – doch statt sich um die Rettung des Meisters zu kümmern, flieht er in Panik, fährt mit dem Zug nach Istanbul und überlässt Mahmut seinem Schicksal. Er macht sich darauf gefasst, dass die Polizei ihn holen kommt; aber da passiert nichts, nicht nach einem Tag, nicht nach einem Jahr. Es ist, als wäre die Sache nie geschehen.

Dieser erste Teil ist eigentlich eine selbstständige Novelle. Geradlinig erzählt sie eine besondere Begebenheit aus alten Zeiten. Sie besitzt erhebliche emotionale Kraft, die sich nicht so sehr in Rede und Gedanken der Figuren mitteilt als in dem, was sie tun. Danach ist die Zisterne der großen Gefühle leer geschöpft.

Es folgt in ziemlich geraffter Form die weitere Biografie Cems, in der sich äußerlich viel und innerlich wenig ereignet. Er wird ein erfolgreicher Immobilienhändler und heiratet eine kultivierte Frau, die mit ihm, wenn sie schon keine Kinder haben können, doch sein Hobby teilt: Gemeinsam jetsetten sie durch die Welt, um möglichst viele künstlerische Gestaltungen zweier Geschichten aufzuspüren, von Ödipus und Iokaste einerseits, von Rostam und Sohrab andererseits – Ödipus, der unwissentlich seinen Vater, und Rostam, der unwissentlich seinen Sohn erschlug. Das sind die Leitmotive seines Lebens; sie lassen erkennen, wie sehr jene eine Nacht und jener eine Tag den Erzähler von aller weiteren menschlichen Entwicklung abgeschnitten haben. Cem beginnt, Bauland in Öngören zu erschließen, das sich inzwischen bis zur Unkenntlichkeit verändert hat, und stößt dort auf den alten Brunnen und zugleich auf das große Geheimnis seines Lebens.

Dieser zweite Teil liest sich wie ein anderes Buch. Die Betäubung, unter der Cem dahinlebt, scheint die einer ganzen Gesellschaft, die sich in rasendem Tempo modernisiert hat und dabei seelisch nicht hinterhergekommen ist. Der Plot wird jetzt ziemlich kompliziert. Nach Mahmut und Cem tritt eine dritte Generation hinzu, denn es erweist sich, dass Cem in besagter Nacht einen Sohn gezeugt hat, von dem er nichts ahnte – einen Sohn von ebenso sensiblem wie verdüstertem Naturell, der Gedichte schreibt und dem islamischen Fundamentalismus zuneigt. Seinem Vater tritt er wie ein Richter gegenüber, die Situation droht zu eskalieren ... Weil die Haupterzählung als ausgesprochener Cliffhanger endet, braucht der Autor noch einen kürzeren dritten Teil, in dem die rothaarige Frau, inzwischen über sechzig, die übrig gebliebenen losen Enden erklärend verknüpft; der schwächste Teil, wie man sagen muss, denn damit ist alles, was an ihr einst geheimnisvoll war, so ziemlich zum Teufel.

Pamuk spitzt das Verhältnis der drei Generationen, der älteren, bäuerlich-genügsamen, der mittleren aus hektischen Geschäftsleuten und der jüngsten, enterbten, verbitterten, auf geradezu allegorische Weise zu. Was erzählt wird, soll mehr bedeuten als nur sich selbst, es soll die ganze türkische Gesellschaftsgeschichte der letzten Jahrzehnte darin Platz haben.

Zugleich jedoch merkt der Leser, wie der Autor vor einer klaren Diagnose zurückweicht, und zwar besonders immer dann, wenn die Frage der Gewalt ins Spiel kommt: der Geselle, der seinen Meister erschlagen hat und dann auch wieder nicht, der Sohn, der mit einem fremden Revolver Dinge tut, die er nicht wollte. Man spürt, dass Pamuk, wie alle Intellektuellen heute in der Türkei, Angst hat vor der unberechenbaren Staatsmacht. Verdenken kann man ihm das kaum, denn er, der Nobelpreisträger, ist der exponierteste von ihnen. Doch es hat Folgen für sein Buch. Ein rundes Ganzes, ein Meisterwerk im klassischen Sinn hat es so nicht werden können. Aber sein verzweifelt disparater Charakter gewährt, wenngleich indirekt, einigen Aufschluss darüber, was heute in diesem Land geschieht.

Orhan Pamuk: Die rothaarige Frau. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier; Hanser Verlag, München 2017; 288 S., 22,– €, als E-Book 16,99 €