Und dann macht die letzte Postfiliale im Ort zu. Briefe werden ohnehin kaum mehr verschickt, und nun fällt auch noch das Gespräch über Belangloses und Nachbarschaftliches in der Warteschlange am Schalter weg. Künftig sollen Roboter die Briefe zustellen, dann begegnen wir nicht einmal mehr lebendigen Postboten. Der klassische Einzelhandel in den Großstadtvierteln stirbt aus, man hat sich ja mittlerweile immer öfter selbst zu bedienen – Vorverpackung statt Beratung. Die Gasthäuser zum Hirschen oder Goldenen Löwen in den Ortschaften und Kleinstädten der Republik haben ohnehin seit Langem geschlossen. Mit der guten alten vertrauten Welt geht das Angestammte, seit Langem Beglaubigte verloren – das Vertrauen in die eigene Geborgenheit. Und dann steht der auf Effizienz getrimmte Individualist plötzlich nackt da: schutzlos, verletzlich, ausgeliefert – trotz Dreizimmerwohnung für 1300 Euro kalt ohne metaphysisches Obdach. Ihm ist Heimatlichkeit abhandengekommen, und die Selbstverortung im durchdigitalisierten Welt-Raum löst Angst vor dem Selbstverlust aus. Der eine arrangiert sich, der andere resigniert, der Dritte denkt nur noch an sein Geld, der Vierte verweigert sich. Der Fünfte wählt AfD.

Die vergangenen beiden Jahre haben die durch ihre beständige Globalisierung ins Unermessliche vergrößerte und durch digitale Grenzaufhebungen gleichzeitig verkleinerte Welt auf eine existenzielle Dezimale reduziert, die den Bürgern Deutschlands und der Europäischen Union eine denkbar schlichte Frage vor Augen geführt haben: Wie hältst du’s mit der Heimat? Im verstaubten, nach Gelsenkirchener Barock und Kartoffelkloß klingenden Wort "Heimat" sind die dringlichsten Probleme unserer Tage kurzgeschlossen: Herkunft, Mobilität und Massenmigration sowie das Streben nach Schutz, Sicherheit und Selbstwert des Individuums. Und gewiss versteckt sich unter dem streitbaren Begriff aufs Neue der Anspruch auf "echtes" Volkstum, "wahre" Kultur und nationale Identität. Bekanntlich war "Heimat" in Deutschland jahrzehntelang ein kontaminierter Begriff mit dem Geschmack von Blut und Boden und dem Geruch von Rassenreinheit. Heimat war verdorben, eine schwärende Wunde; die Gleichsetzung von Heimat mit Ausgrenzung, Folter, Mord, Totschlag, mit Verwesung, Vernichtung und Vertreibung ist das nicht vergehende und unvergängliche Wahnsinns-Werk der Nazis, die Gleichsetzung von Heimat mit Nationalsozialismus das kulturelle Erbe der 68er.

Dieser Tage aber adelt sogar der Bundespräsident den Begriff "Heimat" und benutzt ihn in seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit ganze 18 Mal; selbst Spitzenpolitiker der sich gern kosmopolitisch inszenierenden Grünen reden neuerdings vom geliebten Land, und Teile der CDU/CSU streben ein Bundesheimatministerium an, als wäre staatlich geförderte Heimatliebe die medikamentöse Kur auf die Verletzung durch eine AfD, die mit ihrem intellektuellen Separatismus das diffuse Unbehagen an plötzlich auftretender Kulturfremdheit repräsentiert – als Graswurzel-Protestplattform für wut- und hassbereite Mitbürger gegen die eigene Ohnmacht und in der Überzeugung, von der abgehobenen Politik betrogen und vom Lauf der Geschichte aussortiert zu sein.

Was aber ist Heimat überhaupt? Kurz gesagt: der Zu-Fall. Heimat fällt jedem von uns zu und ist immer schon da. Wir besitzen Heimat nicht, aber Heimat besetzt uns mit ihr. Wir sind ihr emotional ausgeliefert. Vielleicht würde man unter tausend Kirchturmglockenschlägen an welchem Ort auch immer seine Glocke heraushören, den ganz bestimmten Kirchturmglockenschlag, der einen den Glauben an das Urvertrauen, die Einbettung in überzeitliche Zusammenhänge gelehrt hat und über die Biografie hinweg immer wieder die eigene Kindheit intoniert. Die Bindung an den Ort des eigenen Ursprungs – der am Ufer des Bodensees, in der Plattenbausiedlung einer Metropole, in der Straßenschlucht einer Großstadt oder der Leere einer brandenburgischen Mark sein kann – ist ja eine geradezu religiöse Angelegenheit: als Ursprungserfahrung seiner selbst ermöglicht Heimat das Urvertrauen in den guten Gang der Dinge. Das Ursprüngliche ist das, was einen anspringt und ein Leben lang haften bleibt. Im Moment, da dieses Anspringen geschieht, ist Heimat gegeben.

Die große Kraft der Heimat besteht in der Ambivalenz-Bewältigung. Die spätmoderne Lebenswelt ist bekanntlich gekennzeichnet durch einen hohen Grad an Paradoxien. Der einzelne Mensch soll ja permanent wählen, dauernd entscheiden und jederzeit alle an ihn gestellten Anforderungen zugleich erfüllen: kontrolliert und charismatisch zu sein, emphatisch und empathisch, diszipliniert und witzig. Diese Paradoxien immerzu auszutarieren kann belastend, überlastend, manchmal überfordernd sein. Heimat als zeitlebens emotional abrufbare Gegenwart aber ist ein fundamentales Versprechen auf Kohärenz: auf den sinnstiftenden Einklang von Selbst und Umwelt also, der das Mehrdeutige eindeutig macht.

Heute über Heimat zu sprechen heißt vor allem, über ihren Verlust zu reden. Man kann Heimat auf vielfältige Weise verlieren: materiell-leiblich durch Flucht und Vertreibung, virtuell-psychisch durch Veränderung und Entfremdung. Heimat geht verloren, wenn die Ströme des Global Lifestyle einer standardisierten Waren- und Güterproduktion die immer gleichen Produkte immer gleicher Anbieter immer gleicher Mutterkonzerne in die letzten Nischen des Landes einschwemmen – Starbucks in Oberammergau, sozusagen. In den Kulissen der Standardisierung verlieren Orte und Dörfer ihre Unverwechselbarkeit: das, was sich stets von selbst verstand, was ohne Erklärung sofort verstehbar war, wofür es keiner mühsamen Dechiffrierung bedurfte. Wenn es aber allerorten das Gleiche zu haben gibt, schwindet das ortsspezifische Originelle, und das Verschwinden des Spezifischen wird als Bedrohung, Zumutung oder Angriff empfunden. So geht schließlich das Gefühl von Vertrautheit und bedingungsloser Anerkennung in der subjektiven Idylle verloren.

Die Reaktionen auf den empfundenen Verlust der Heimat als geistiger Geborgenheitsraum tragen seit einiger Zeit Züge einer Revolte. Der belastete Begriff der Heimat tritt in neuem Gewand auf: nicht als forcierte Vereinsmeierei, nicht im Dirndl als Fashion-Statement, nicht durch eine Flut von mehr oder weniger originellen Heimatkrimis, nein – Heimat ist aus dem vorpolitischen Raum herausgelöst aufs Neue zu einer politischen Kategorie geworden. Unter vorgeblichem Patrioten-Stolz aufs Abendland amalgamieren nationalkonservative Sehnsüchte, Selbsterhebungsfantasien, Geschichtsklitterungen und kulturell motivierte Angst vor der Islamisierung des Westens zu einer offenbar tatsächlichen Alternative zum herkömmlichen Grundkonsens. Mit der Politisierung des Heimatbegriffs werden die eigene Lebensweise und Lebenswelt als maßgeblich überhöht, um den fragilen Selbstwert jener zu stabilisieren, die ihren Wohlstand einzubüßen fürchten – ohne sagen zu können, was genau das Eigene eigentlich ist. Ist es nur das Nicht-Andere? Oder die Sprache? Die Aufklärung? Sauerkraut? Luther? Helene Fischer?