Zweieinhalb Minuten sprach der russische Schüler Nikolaj Desjatnitschenko vor dem Deutschen Bundestag – lang genug, um kurz darauf im eigenen Land als Feind und Nazi verunglimpft zu werden und den Geheimdienst FSB auf den Plan zu rufen.

In politisch verfahrenen Zeiten wird gern feierlich betont, dass Deutsche und Russen die gemeinsame leidvolle Geschichte verbinde. Und so hatte der Schüler Nikolaj aus der Stadt Nowy Urengoi in Westsibirien anlässlich des deutschen Volkstrauertages die Geschichte eines Fremden recherchiert und gemeinsam mit anderen Deutschen und Russen am vergangenen Sonntag im Bundestag vorgetragen: Er berichtete von Georg Johann Rau, einem Gefreiten der Wehrmacht, der in der Schlacht um Stalingrad gekämpft hatte, gefangen genommen wurde und am 17. März 1943 aufgrund der schlechten Lagerbedingungen starb. Für die Recherche habe er "die Gräber von unschuldig Gefallenen" besucht, "von denen viele friedlich leben und nicht kämpfen wollten". Es war dieser Satz, der in seiner Heimat einen Hurrikan der Entrüstung entfachte. Selbst Nikolajs Schlussworte halfen nichts: "Ich hoffe aufrichtig, dass auf der ganzen Welt der gesunde Menschenverstand siegen wird und die Welt nie wieder Kriege erleben wird." Im Bundestag klatschten sie, in Russland fing die Hetze an: Als würde ein junger Russe Wehrmachtssoldaten exkulpieren und die Geschichte verfälschen wollen.

In erregten und umkämpften Zeiten wie diesen hat Geschichtspolitik Hochkonjunktur. Als historische Faustregel kann gelten: Je ideologischer die Zeitläufte, desto mehr wird an der eigenen Geschichte herumgedoktert. Dieser Logik folgend, herrschen in Russland seit einigen Jahren besonders ideologische Zeiten. Für den russischen Kulturminister Wladimir Medinski tobt gar mittels der Geschichte "ein Kampf um die menschliche Seele", und das sagte Medinski nicht zufällig vor einem Kongress mit Historikern. Permanent gebe es Versuche, so der Minister, die Geschichte Russlands zu verfälschen.

Dabei wird schon längst umgeschrieben und geglättet – und zwar im Sinne der Staatsideologie: Da verteidigt Präsident Putin 2014, als der Krieg in der Ukraine beginnt, den Ribbentrop-Molotow-Pakt, mit dem Stalin und Hitler Polen und Europa 1939 unter sich aufgeteilt hatten. Da stellt das russische Außenministerium in diesem Jahr den Einmarsch der Sowjets in Polen nicht etwa als völkerrechtswidrigen Überfall dar, sondern wählt folgende Worte: "Am 17. September 1939 hat die Rote Armee die Grenze zu Polen überschritten." Und da wird der Krieg, den Russland heute gegen die Ukraine führt, von Wladimir Putin zugleich verleugnet und doch mit einem ideologischen Lügenmix gerechtfertigt. Geschichte ist für die Machthaber ein Instrument, um Bürger zu Patrioten zu erziehen, die staatliche Taten nicht hinterfragen.

Deshalb wird Nikolaj Desjatnitschenkos vielleicht etwas unbedarfter, aber gut gemeinter Satz, über den sein Geschichtslehrer durchaus mit ihm hätte streiten können, zum Symptom einer Verfehlung hochstilisiert. Deshalb fallen nun anonyme Horden im Netz gnadenlos über den Schüler her, und das, obwohl sogar der Kreml-Sprecher die "übertriebene Hetzjagd" kritisiert hat. Deshalb hat ein Blogger ihn wegen angeblicher "Rehabilitierung des Nazismus" angezeigt. Deshalb sucht der FSB Nikolajs Familie und dessen Schuldirektor nach Verbindungen zur Ukraine ab – ihre Nachnamen klingen ukrainisch. Und deshalb fragen die ersten Politiker und Journalisten nun, ob russische Schulpläne nicht vom Einfluss ausländischer Bücher und Programme gereinigt werden sollten. Als müssten fremde Mächte am Werk sein, wenn ein Teenager daran erinnert, wie furchtbar Kriege sind.

Vor einigen Jahren hat ein wesentlich älterer Russe etwas Ähnliches behauptet wie der Schüler Nikolaj Desjatnitschenko, als er in einem Artikel eine Frau mit folgenden Worten über Soldaten der Wehrmacht zitierte: "Was will man denn von ihnen? Sie waren fleißige Arbeiter wie wir auch. Man hat sie einfach an die Front getrieben." Der Autor des Textes heißt Wladimir Putin, und die von ihm zitierte Frau war seine Mutter, die den Krieg knapp überlebt hat.