Die Geschichte des teuersten Bildes der Menschheitsgeschichte ist erst einmal die Geschichte von Loïc Gouzer. Wer verstehen will, warum vergangene Woche in New York das Werk Salvator Mundi von Leonardo da Vinci nach einem 19-minütigen Bietgefecht für die bislang unvorstellbare Summe von 450 Millionen US-Dollar zugeschlagen wurde, der muss sich näher mit dem 37-jährigen Schweizer beschäftigen, der sich innerhalb kürzester Zeit als globaler tastemaker etabliert hat. Eine Rolle, die im 20. Jahrhundert große Kunstschriftsteller wie Bernard Berenson und Kuratoren wie der Documenta-Gründer Arnold Bode ausfüllten. Die hat nun Loïc Gouzer mit lässiger Unerschrockenheit und unverfrorener Chuzpe neu für das 21. Jahrhundert interpretiert.

Gouzer hat verstanden, dass die neue Sammlerschaft seiner Generation, die in Asien und Amerika mit dem Internet Millionen oder eben auch Milliarden verdient hat, nicht mehr viel auf "Kennerschaft" gibt und auch nicht mehr auf der Suche nach bestimmten Werken aus bestimmten Perioden bestimmter Künstler ist, sondern einfach nach dem einen Bild, das sie allen anderen wegschnappen kann. Gouzer ist der Mastermind hinter den theme sales, mit denen Christie’s den Auktionsmarkt seit einigen Jahren aufmischt, Bilder aus verschiedensten Zeiten, um ein Urbild oder ein Thema gruppiert. So achtete er penibel darauf, dass etwa im Falle von Picassos Les femmes d’Alger, für das er mit 179 Millionen Dollar im Mai 2015 den bisherigen Preisrekord inszenierte, das Bild die Losnummer 8 trug, da dies bei den Chinesen als Glückszahl gilt. Dass der Leonardo nun die Losnummer 9B hatte, mag für sehr viele unwichtig gewesen sein, für ein oder zwei Bieter aber eventuell entscheidend.

Um seine Kunden zu verstehen, ist Gouzer, der ansonsten gern mit Haien in der Südsee um die Wette taucht, um sich die letzten Fasern der Angst abzutrainieren, auch tief in die sozialen Medien eingetaucht. Als es darum ging, Modiglianis Liegenden Akt zu verkaufen, den Christie’s auf die schwindelerregende Summe eines Mindestgebots von 100 Millionen Dollar geschätzt hatte, da schrieb Gouzer ein paar Tage vor der Auktion auf seinem Instagram-Account: "Schwer zu sagen, was begehrenswerter ist, dieses Bild ein Leben lang zu besitzen oder diese Nackte für eine Nacht." Modiglianis Nackte wurde am nächsten Morgen für 170 Millionen Dollar verkauft.

Sein Meisterstück hat Goizer nun mit Leonardos Salvator Mundi geliefert. Das Bild hat eine lange ruhige und eine sehr bewegte jüngere Geschichte. Noch in den 1920er Jahren galt es als ein Werk von Giovanni Antonio Boltraffio. 1958 wurde es für gerade mal 45 Pfund versteigert. 2011 wurde das Bild dann einer überraschten Weltöffentlichkeit in der National Gallery in London als letztes bekanntes Leonardo-Gemälde in privater Hand präsentiert. Marion Maneker vom renommierten Art Market Monitor hat am Wochenende noch einmal darauf hingewiesen: Anders als vielfach behauptet, bezweifle inzwischen kein wirklicher Altmeister-Kenner mehr, dass die Londoner Zuschreibung stimme. Kurz nach dieser wissenschaftlichen Adelung wurde das Bild erst von Sotheby’s an den Schweizer Kunsthändler Yves Bouvier und ein Händlerkonsortium und dann von diesem an den russischen Sammler Dmitri Rybolowlew verkauft – und wurde anschließend Teil eines erbitterten Rechtsstreits. Doch weder diese jüngere Provenienz sorgte für schlechtes Karma noch die Tatsache, dass das Bild wegen der Schäden des Bildträgers aus Nussholz erwiesenermaßen umfassend restauriert worden ist. Angesichts des Anteils der Retuschen wurde die Restauratorin Dianne Dwyer Modestini im Internet auch sogleich als "weltweit teuerste lebende Künstlerin" gefeiert.

Doch Loïc Gouzer ist ein mindestens so großer Künstler wie die Restauratorin. Er hat es geschafft, um dieses Werk, das keineswegs ein Hauptwerk Leonardos ist, einen weltweiten Hype aufzubauen, der nur vergleichbar ist mit jenem, der 1913 um die geraubte Mona Lisa Leonardos entstand. Nur durch diese Geschichte um ihr Verschwinden und ihr Wiederauftauchen ist die Mona Lisa zum bekanntesten Kunstwerk der Welt geworden – obwohl Leonardo viel wichtigere und bessere Bilder gemalt hat.

Gouzer setzte für den Salvator Mundi nun die Marketingmechanismen des 21. Jahrhunderts ein: Das Bild sahen in wenigen Wochen 27.000 Menschen in San Francisco, London und Asien, und es gab einen Videoclip von Christie’s, gefilmt aus der Perspektive der Jesus-Figur: Man sah die pure Ergriffenheit in den Augen der Betrachter, Menschen von der Straße, die zu weinen begannen, als sie dem Salvator Mundi, dem Erlöser der Welt, in die Augen blickten. Und unter die Menschen im Banne des Leonardo mischte sich in diesem Video ganz beiläufig auch Leonardo DiCaprio, einer von Gouzers besten Freunden. Er selbst verkleidete sich an Halloween Ende Oktober als Salvator Mundi, fröhlich durch die New Yorker Partyszene feixend, die Glaskugel in der linken Hand balancierend. Man kann sich von solch kunstferner Inszenierung angewidert abwenden. Oder man kann vor ihr anerkennend den Hut ziehen.

Wie auch davor, dass Gouzer dieses Bild nicht im Rahmen einer Altmeister-Auktion versteigern ließ – sicherlich weil die Altmeister-Experten bei Christie’s das Bild angesichts seines Zustandes kaum mit einer Garantie von 100 Millionen Dollar versehen hätten –, sondern als Teil der Abendauktion zeitgenössischer Kunst. Nach dem Motto: Was uns heute berührt, ist zeitgenössisch. Das ist das Geheimnis der neuen lustbetonten, spontanen Cross-over-Käufer. Das alles hätte natürlich fulminant nach hinten losgehen können. Aber Gouzer und sein Kompagnon Alex Rotter hatten in dem minutenlangen Telefongefecht zwei Menschen am Telefon, die restlos überzeugt waren, dass sie, zumindest an diesem Abend, nichts auf der Welt lieber haben wollten als diesen Leonardo. Auch wenn es das erste Altmeister-Gemälde ist, das sie überhaupt besitzen werden. Aber nur einer von ihnen hat jetzt den teuersten Quadratmeter der Welt über dem Sofa hängen. Loïc Gouzer hat das Phänomen dem New Yorker gegenüber sehr plausibel erklärt: "Es ist längst nicht mehr cool in unserer verrückten Welt, ein Milliardär zu sein. Aber durch nichts wird ein Millionär heute weltweit so bekannt und cool, wie wenn er ein einzigartiges Kunstwerk besitzt."

Es ist der gleiche Mechanismus, der jüngst auch die Fußballwelt ergriffen hat – Summen, die bis vor Kurzem noch unvorstellbar waren, werden für einen vermeintlich einzigartigen Spieler bezahlt, 222 Millionen für Neymar und 180 Millionen für Mbappé, noch vor zehn Jahren wären es 22 und 1,8 Millionen gewesen. Mbappé wurde übrigens vom AS Monaco verkauft, jenem Club, der dem bisherigen Besitzer des Leonardo gehört, Dmitri Rybolowlew. Aber Leonardos Bild ist jetzt teurer als jeder Mensch.

Natürlich geht es im Kunstmarkt nicht darum, den "wahren" Wert eines Gemäldes zu ermitteln, sondern schlicht um Angebot und Nachfrage. Und Christie’s ist es gelungen, die Nachfrage nach dem letzten Leonardo in privater Hand ins Unermessliche oder genauer bis auf exakt 450 Millionen Dollar zu steigern.

Aber das Ganze hat nicht nur eine kapitalistische, sondern auch eine wunderbare theologische Pointe. Es ist der Beweis, dass Gott Humor hat. Oder wie ist es anders zu verstehen, dass das teuerste Menschenwerk auf Erden nun also Jesus zeigt, als Erlöser der Welt.

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