Zwei Tage nachdem die Welt erfahren hat, dass Donald Trump mit großer Selbstverständlichkeit Frauen zwischen die Beine fasst, macht sich seine jüngste Tochter auf den Weg, um ihren Vater bei einem Auftritt zu unterstützen. Sie zieht sich ein schwarzes Kleid an und toupiert ihre Haare. Die 22-jährige Studentin will seriös aussehen, erwachsen. Zusammen mit ihrem Freund betritt sie im Oktober vergangenen Jahres die Washington University in St. Louis. Kurz vor Beginn der Veranstaltung steigen die beiden zu einer Zuschauertribüne hinauf und setzen sich in die erste Reihe.

Der republikanische Präsidentschaftskandidat Trump tritt gleich in einem Fernsehduell gegen Hillary Clinton an, und es wird das letzte Mal sein, dass sie etwas Gutes über ihn sagt. Auf die Frage nach Trumps größter Stärke antwortet sie: "Ich respektiere ihn für seine Kinder." Als dieser seltsame Satz fällt (können Kinder eine persönliche Stärke ihrer Eltern sein?), schwenken die Fernsehkameras auf Trumps älteste Tochter Ivanka, die etwas versetzt auf der Bühne sitzt. Sie trägt ein grünes Etuikleid und hat sich die Haare hinten hochgesteckt, mit gesenktem Blick schiebt sie eine blonde Haarsträhne zur Seite.

Dieses Lob ist mir jetzt aber unangenehm, soll diese Geste wohl sagen. Was in ihrer Halbschwester Tiffany vorgeht, ist nicht zu erahnen. Das Halbdunkel des Publikums hat sie verschluckt. Tiffany wurde auf der anderen Seite des Saals neben ihren Schwägerinnen platziert, am äußersten Ende der Familienhierarchie.

Es gibt viele Erzählungen, die man über den unberechenbarsten Präsidenten der US-Geschichte aufschreiben kann. Man könnte über die kleinen Kriege berichten, die er auf Twitter führt; die mittleren, die er mit seinen Kritikern in der eigenen Partei ausficht, und die großen, die er verfeindeten Ländern wie Nordkorea androht. Selten wird jedoch eine andere, persönliche Seite beleuchtet: Donald Trump ist, reaktionäre Rhetorik hin oder her, das Oberhaupt einer überraschend modernen Patchworkfamilie: Drei Ehen, fünf Kinder und zwei Großelternpaare, die aus Osteuropa stammen. Wie er damit umgeht, sagt viel aus über seinen Führungsstil. Und vielleicht ist es nicht die glamouröse Ivanka, die uns viel über den Menschen Trump verraten kann. Sondern deren Halbschwester Tiffany, die für ihren Vater genau dann interessant wurde, als es seiner politischen Karriere nutzte.

Auch in der mächtigsten Familie der Welt gibt es Lieblingskinder und Ausgestoßene; Geschwister, die wichtiger sind als andere und durch ihren Einfluss die amerikanische Politik unsichtbar mitbestimmen. Ivanka ist das schöne Gesicht einer hässlichen Regierung. Vor wenigen Wochen sprach sie als Botschafterin der Administration in Tokio, vor einem halben Jahr wurde sie von Angela Merkel in Berlin empfangen. Tiffany dagegen wird in den Medien gern als "die vergessene Trump" bezeichnet.

Es scheint, als handele es sich bei der einen um ein Glückskind und der anderen um ein hässliches Entchen. Man könnte glauben, auch diese Konstellation stehe für die Ungerechtigkeit, die in vielen Familien und besonders in Patchworkfamilien herrscht. Doch das wäre zu einfach. Es geht auch um den Umgang der Geschwister mit der Macht des Vaters; um das seltsame Zusammenspiel von Familie und Politik.

Die Kindheit

Lange Zeit schien es so, als sei Tiffany dazu verurteilt, eine B-Version von Ivankas Leben zu führen. Tiffanys Gesicht ist runder und weicher als das ihrer zwölf Jahre älteren Halbschwester, ihr Lächeln ist nicht so anmutig, die blonden Haare manchmal aufgebauscht. Während Ivanka über eine aristokratische Ausstrahlung verfügt, scheint Tiffany noch auf der Suche nach dem eigenen Stil zu sein. Im Gegensatz zu ihrer Halbschwester besitzt sie nicht diese sanfte Stimme, die den ernsthaften Blick melodisch begleitet. Viele Beobachter würden urteilen: Sie ist weniger attraktiv. Doch Schönheit kann auch eine Frage von Übung, Geld und dem richtigen PR-Berater sein.

Das Verhältnis der beiden Schwestern begann eigentlich mit ihren Müttern. Genau genommen: mit der Konkurrenz ihrer Mütter um Tiffanys und Ivankas Vater.