Manchmal macht man seltsame Dinge und kann sie auf Anhieb gar nicht erklären. Als ich am letzten Tag des diesjährigen Berliner Jazzfestes mit dem Schlagzeuger, Posaunisten, Pianisten, Komponisten und Dirigenten Tyshawn Sorey zu einem Interview in seiner Garderobe im Haus der Berliner Festspiele verabredet bin, könnte ich ihn vieles fragen. Schließlich ist er der Artist in Residence mit vier Auftritten an drei Tagen: im Quartett, im Trio, im Duo und mit einem 20-köpfigen Ensemble. Sein in Berlin gezeigtes musikalisches Spektrum reicht von Free Jazz bis zur Neuen Musik, von streng gebundenem Trommeln bis zu virtuellem Ethno. Zudem ist der vielseitige 37-Jährige aus New York gerade MacArthur Fellow geworden und bekommt ein Stipendium von 625.000 Dollar zur Förderung seiner kreativen Arbeit, ohne Auflagen.

Nach alldem frage ich Tyshawn Sorey nicht. Stattdessen rufe ich ihm das erste von fünf Wortpaaren zu, die ich unter dem Eindruck seiner Musik spontan auf die Rückseite meiner Eintrittskarte gekritzelt hatte.

"Sie sind doch ein großer Improvisator", ermuntere ich ihn, "dann legen Sie mal los", Aufnahme läuft. Wir sind uns nie begegnet, und er ist in keiner Weise vorbereitet. Der folgende Text ist eine aus dem Englischen übersetzte Abschrift dessen, was er in der nächsten halben Stunde sagt.

Spirit ⇄ Inspiration

Das ist eine sehr abstrakte Sache. Darüber rede ich selten, wenn es um meine Arbeit geht. Spirit und Inspiration gehen Hand in Hand. Ich werde inspiriert von einer bestimmten Energie im Raum, oder die Inspiration kommt irgendwie von oben. Ich versuche, davon so viel einzufangen, wie ich kann. Es hilft mir, meine musikalischen Aufführungen nicht so sehr als Aufführungen zu sehen, sondern als Rituale. Welche Energie braucht es, um bestimmte Klänge hervorzubringen? Ich weiß nicht, ob es Gott ist oder so etwas, es ist jedenfalls etwas, das viel größer ist, als es irgendjemand von uns sein könnte. Es kommt zu einem.

Moment ⇄ Jetzt

Wenn man es mit einem Moment zu tun hat, kann es irgendein Moment sein, ein Moment im eigenen Leben oder der Moment vor einer Sekunde oder vor einem Tag, aber wenn man übers Jetzt redet, dann geht es um das, was gerade in diesem Moment geschieht. Die Begriffe sind auf interessante Weise austauschbar. Für mich sind beide wichtig in Hinsicht auf die Frage, was man damit anfangen kann oder inwiefern man Inspiration aus dem Jetzt oder einem vergangenen Moment ziehen kann.

Das Jetzt kann auch ein Fluss von Momenten sein. Ich versuche, so viel im Jetzt zu sein, wie es geht, und zugleich Momente zu bewahren, die wichtig für mich waren, um ins Jetzt zu gelangen. Ich meditiere, um in einen anderen Bewusstseinszustand zu kommen. Oder ich übe mich in Zazen-Meditation, was noch schwieriger ist. Im Zazen hat man kein bestimmtes Ziel. Man sitzt einfach. Aber man setzt sich nicht hin, um sich zu sammeln oder über etwas nachzudenken. Es ist eher ein Nichtdenken. Einfach nur sitzen. Mir gelingt das nur sehr selten, weil in meinem Leben gerade so viel geschieht.

Im Grunde ist jede Aufführung von mir eine Form von Meditation. Die Idee, etwas zu schaffen, steht dem in gewisser Weise entgegen, aber zur selben Zeit ist man sich dessen, was geschieht, so gewahr, man ist ganz woanders, man weiß manchmal gar nicht, ob man mit dem, was man tut, die Idee der Meditation zerstört.

Wir denken immer, Meditation müsse etwas Ruhiges, Stilles sein. Aber das ist eben nur eine Form von Meditation. Man ist so aktiv, macht all diese Klänge, und zur selben Zeit nimmt man alles um sich herum so stark wahr. Man ist im Fluss und einfach da. Alle meine Aufführungen sind so, egal um welche Art von Musik es sich handelt.

Ich versuche, auf die Situation zu reagieren, das zu tun, was der Moment verlangt, und aus dieser Erfahrung zu lernen. Ich denke nicht, wenn ich improvisiere. Es ist ein Ritual. Ich spiele nicht, ohne einen Sinn zu haben für das, was mich umgibt. Ich versuche, so musikalisch wie möglich zu sein, auf alles zu reagieren und mich voll auf mein Gefühl zu verlassen. Wenn ich die Musik in der Tiefe spüre, kann ich anders reagieren. Der Moment, in dem ich denke, kommt hinterher, wenn ich mich frage: Was hätte ich besser machen können? Da beginnt die Analyse des eigenen Tuns.

Einmal unterbreche ich ihn: ob er wirklich täglich meditiere? Er schüttelt gut gelaunt den Kopf: Nein, das schaffe er nicht, unmöglich! Und jetzt: Vorfahren und Geister. Da muss er lachen. Seine Stimmung wird immer besser.

Vorfahren ⇄ Geister

Sie existieren. Sie sind der Grund, warum ich weiterhin mache, was ich mache. Meine kreativen Vorfahren. Manche leben noch, einige sind dahingegangen. Viel von ihrer Musik werde ich auf immer teilen, das wird immer da sein. Manchmal, wenn ich über Musik nachdenke oder wenn ich meditiere, erscheinen sie mir. Sie sind ein wichtiger Teil meines Lebens, sie kommen immer wieder und inspirieren mich zu den besten Entscheidungen, deren ich fähig bin. Sie sind da. Ich mag das. Ich habe etwas, von dem ich zehren kann.

Neulich habe ich in Durham, North Carolina, eine Monk-Aufführung gemacht, 100 Jahre Thelonious Monk. Das war, als ob Monk mit uns allen im Raum gewesen wäre. Wenn es Monk nicht gegeben hätte, würden wir nicht tun, was wir tun. So wichtig ist er. Alles, was ich tue, ist eine Spiegelung dessen, was Monk tat, auch wenn es stilistisch ganz anders ist.