DIE ZEIT: Herr Wegner, wieso treibt Sie als Werbefachmann das Thema Vertrauen um?

Stefan Wegner: In unserem Geschäft dreht sich ja letztlich alles um Vertrauen. Eine Marke ist nichts anderes als ein Vertrauenskonstrukt, ein Bild, an das die Menschen glauben. Fehlt dieser Glaube, dann wird das Produkt nicht gekauft. Das gilt für einen Joghurt ebenso wie für einen Politiker. Deshalb ist Vertrauen für uns eine harte Währung.

ZEIT: Und diese Währung schwächelt derzeit?

Wegner: Zumindest ist das meine Beobachtung. Ich habe in diesem Jahr viele Gespräche geführt – mit Vertretern der Politik, der Kirchen, der Medien, des Sports und der Wissenschaft. Und egal wo ich hinkam, überall hieß es: Warum vertrauen uns die Menschen nicht mehr? Politiker klagen darüber, dass die Wähler ihnen nicht mehr zuhören, die Kirchen, dass der Glauben bröckelt, die Medien sehen sich als Lügenpresse beschimpft, die Sportfunktionäre klagen über mangelnden Rückhalt bei den Fans und die Forscher über verlorenes Vertrauen in die Wissenschaft. Da gibt es ein durchgängiges Muster.

ZEIT: Ist das nur ein subjektiver Eindruck, oder gibt es dafür auch objektive Belege?

Wegner: Umfragen zeigen schon länger, dass das Vertrauen in etablierte Institutionen abnimmt. Neu für mich ist allerdings die Besorgnis, die das in den Köpfen der Elite auslöst. Ich war verblüfft, wie sich die Symptome der Verunsicherung in diesem Jahr ähnelten. Alle haben das Gefühl, es sei etwas ins Rutschen geraten, und etwas Wesentliches habe sich gegenüber früher verändert. Und das hat mit sinkendem Vertrauen zu tun.

ZEIT: Wo sehen Sie die Ursachen?

Wegner: Eine Ursache ist der Einfluss der sozialen Medien. Plötzlich werden radikale Meinungen sichtbar, die früher unter dem Radarschirm lagen, und das prägt auch die Wahrnehmung der Eliten. Die beziehen ihr Weltbild nun nicht mehr nur aus der ZEIT oder der FAZ, sondern nehmen auch die ungefilterten und aggressiven Meinungen in den sozialen Medien zur Kenntnis, die sie zum Teil tief verstören. Eine andere Ursache ist die atemberaubende und globale Veränderung, die wir derzeit erleben und die überall für Unsicherheit sorgt.

ZEIT: Dafür aber können die Institutionen nichts.

Wegner: Richtig, kein Einzelner verantwortet die Digitalisierung oder die Globalisierung. Aber die entscheidende Frage ist: Wie verhalten sich die Eliten in der Öffentlichkeit im Hinblick auf diese Veränderungen? Wie ehrlich gehen sie mit den Bürgern um? Häufig wird suggeriert, dass trotz der rasanten Veränderungen alles so bleiben könne, wie es sei. Aber die Menschen spüren, dass dem nicht so ist. Der Lastwagenfahrer sieht etwa Bilder von selbst fahrenden Autos und fragt sich: Habe ich in zehn Jahren noch meinen Job? Diese unterschwelligen Ängste vor einer unsicheren Zukunft greifen die Eliten zu wenig auf – und werden deshalb im Umgang mit komplexen Veränderungsprozessen oft als nicht ehrlich wahrgenommen.

ZEIT: Vielleicht weil die Eliten oft selbst nicht genau wissen, wie sie damit umgehen sollen?

Wegner: Das wird aber kaum thematisiert! Und dadurch entsteht im schlimmsten Fall der Eindruck der Unehrlichkeit. Ich würde mir als Fernsehzuschauer manchmal wünschen, dass einer unserer Repräsentanten offen sagt: Ich weiß es doch auch nicht! Das wäre sehr befreiend. Das wagt aber niemand zu sagen.

ZEIT: ... weil man wohl sein eigenes Todesurteil im politischen Raum fällen würde, wenn man das öffentlich sagte.

Wegner: Es könnte auch sein, dass das Gegenteil eintritt und gerade dieser Politiker als besonders ehrlich und vertrauenswürdig wahrgenommen würde. Man müsste das Risiko einmal eingehen.