Wir deutschen Spätmodernen, wir Weltmeister der Selbstoptimierung, wir ewig Rauschbereiten und Erlösungssehnsüchtlinge, wir sind scheinbar die ideale Zielgruppe für dieses Buch. Wie Kunst Ihr Leben verändern kann, so ruft es uns tröstend und lockend vom Cover zu, und die Namen Suhrkamp und Alain de Botton darunter sorgen dafür, dass es die Buchhandlungen nicht in die Ratgeber-Ecke stellen. Aber leider gehört es dorthin. Im Englischen, wo das Buch letztes Jahr erschien, trug es den Titel Art as Therapy, was den fatalen pädagogischen Ansatz von Alain de Botton und seinem Mitautor John Armstrong noch klarer betont, wer die beiden sind, dazu schweigt das Buch übrigens, es soll also offensichtlich nicht um die Therapeuten gehen, sondern nur um uns, die Neurotiker. Sie sind übrigens beide Oxbridge-geschulte Akademiker, Botton in Philosophie, Armstrong in Kunstgeschichte.

Es ist von Anfang der Ansatz von Alain de Botton gewesen, in seinen gelehrten Büchern das abendländische Bildungsgut für die Gegenwart fruchtbar zu machen, wogegen man ja nun eigentlich nichts haben kann. Aber ich muss gestehen: Trotz der Lektüre von Wie Proust Ihr Leben verändern kann (1998) änderte sich mein Leben nicht, trotz des Gebrauchs von Trost der Philosophie. Eine Gebrauchsanweisung (2001) blieb ich ungetröstet. Ich folgte auch nicht Alain de Bottons Rat Wie man richtig an Sex denkt (2012) oder seinem Wohnst-du-noch-oder-lebst-du-schon-Lehrbuch Von der Kunst, daheim zu Hause zu sein (2008).

De Botton versucht den Leser einzufangen, indem er in diesem Ratgeber beharrlich von einem "Wir" spricht. Also "Wir sind unausgeglichen" und "Wir vergessen, worauf es ankommt". Gegen all diese menschlichen Untiefen des Lebens empfiehlt Dr. de Botton eben diesmal statt Proust oder Architektur oder Philosophie oder Sex oder dem Wohnen: Kunst. Doch Kunst gibt es nicht auf Rezept.

Kunst, so heißt es einmal programmatisch, "ist ein Werkzeug, das eine Menge psychischer Schwächen korrigieren und kompensieren kann". Aber so ist es nicht, lieber Alain de Botton, nein, noch schlimmer, die Kunst kann noch nicht einmal die Schwächen dieses Buches korrigieren oder kompensieren.

Es ist zwar auch diesmal wieder beeindruckend zu sehen, wie universal die Bildung unseres Kunsttherapeuten ist, wie kreativ er versucht, aus Landschaftsgemälden Ratschläge fürs Rasenmähen abzuleiten, oder in den Pop-Art-Werken über Konsumkultur eine Aufforderung erkennt, "unsere Umwelt mit freundlicheren, wacheren Augen" anzusehen – oder, besonders grotesk, wenn der abstrakten Kunst eine Rolle als Ordnungsmacht fürs alltägliche Leben zugeschrieben wird: "Das Bild macht Spaß, ähnlich dem Lösen eines Kreuzworträtsels oder dem Führen eines Haushaltsbuches."