Ein Mann schläft auf einer Isomatte im S-Bahn-Tunnel, an einer mit Graffiti besprühten Mauer stehen notdürftig aufgeschlagene Zelte, unter einer Brücke haben Menschen ihre Habe ausgebreitet: Decken, etwas Essbares, ein paar Tüten. Mit solchen und ähnlichen Fotos wurde kürzlich auf vielen Nachrichtenseiten eine schockierende Meldung bebildert: In Deutschland gab es im vergangenen Jahr 860.000 Wohnungslose. Stimmt die Zahl?

Die Nachricht geht zurück auf eine Pressemitteilung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW). In dem Verein haben sich soziale Dienste und Einrichtungen zusammengeschlossen, die sich für "Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten" einsetzen. Eine Lobby für die Ärmsten der Gesellschaft. Gefördert wird die BAGW auch von der Bundesregierung.

In der Pressemitteilung wird klar benannt: Bei den 860.000 handelt es sich nicht um Menschen, die auf der Straße leben, wie es die Nachrichtenbilder suggerieren. Die meisten von ihnen haben zwar keine reguläre Wohnung, aber doch ein Dach über dem Kopf. Sie leben etwa in provisorischen Unterkünften, in Wohnheimen oder auch bei Bekannten, die sie zeitweise aufnehmen. Gut die Hälfte machen anerkannte Flüchtlinge aus, die in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht sind. Lässt man die Flüchtlinge einmal beiseite, vermeldet die BAGW rund 420.000 Wohnungslose, davon 52.000 Menschen, die obdachlos auf der Straße leben. In den meisten Nachrichtentexten, die die Meldung aufgriffen, wird das auch korrekt unterschieden.

Woher aber kommen die Zahlen? Zunächst fällt auf: Bundesweite, belastbare Daten zu den Wohnungslosen existieren gar nicht. Was aber nicht erfasst wird, hat es schwer, an Fördergelder zu kommen und Unterstützer zu finden. Deshalb behilft sich die BAGW mit einer Schätzung.

Sie nutzt als Grundlage dafür eine Studie im Auftrag des Bundesbauministeriums – aus dem Jahr 1992. Dafür befragten Forscher einige Dutzend Kommunen in Nordrhein-Westfalen nach der Zahl der Wohnungslosen. Ausgehend von der Stichprobe rechnete man die Zahl hoch, um einen ungefähren Wert für Westdeutschland zu erhalten.

Auf dieser Grundlage schreibt die BAGW die Zahlen seit über zwei Jahrzehnten fort. Hinzugerechnet wird eine Reihe weiterer Faktoren, etwa die Lage auf dem Wohnungsmarkt, die Zahl der Wohngeldempfänger, einzelne regionale Wohnungslosenstatistiken und eine nicht repräsentative Umfrage unter Hilfseinrichtungen.

Heraus kommt schließlich die jährliche Schätzung der Wohnungslosen. Die Zahl der Obdachlosen wiederum beruht auf einer Art Erfahrungswert: Erhebungen in einzelnen Städten hätten ergeben, dass es in etwa viermal so viele bei freien Hilfseinrichtungen untergebrachte Alleinstehende gibt wie Obdachlose. Die Zahl der Menschen auf der Straße wird daher geschätzt, als ein fester Anteil aus dem Schätzwert der Menschen ohne Wohnung.