Im Herbst 2014 machte der Chefredakteur des New York Times Magazine dem Reporter Scott Anderson ein ebenso traumhaftes wie scheinbar unmögliches Angebot: Sämtliche Seiten einer Ausgabe stünden ihm für einen Artikel frei, der die gesamte Krise im Mittleren Osten beschriebe. Knapp zwei Jahre später, am 14. August 2016, erschien das New York Times Magazine mit nur einem einzigen Beitrag: Scott Andersons Reportage Fractured Lands: How the Arab World Came Apart. Eine erweiterte Buchfassung ist nun auf Deutsch herausgekommen. Sie heißt Zerbrochene Länder – Wie die arabische Welt aus den Fugen geriet. So ist also die Frage beantwortet, ob man das aktuelle Chaos dieser Region in einem einzigen journalistischen Stück erfassen kann. Man kann.

Scott Anderson kann es sogar grandios: nicht nur, weil er ein exzellenter Kenner der Region ist und hervorragend schreibt, sondern auch, weil er im besten journalistischen Sinn die Seiten wechselt. Statt den heroischen Kriegsberichterstatter oder scheinbar allwissenden Beobachter zu geben, erzählt er die Geschichte dieses aberwitzigen, horrenden und immer wieder verblüffenden Dauerbebens in der arabischen Welt aus der Sicht derer, die es erleben.

Andersons Protagonisten sind zwei Frauen und vier Männer aus Ägypten, Libyen, Syrien und dem Irak. Sechs Menschen, deren Leben exemplarisch mit der Geschichte ihrer Länder und damit auch ineinander verwoben sind.

Der Verlauf der Arabellion

In Europa, das sich zu Recht viel auf seinen Umgang mit der eigenen Vergangenheit einbildet, herrscht im Umgang mit Afrika und dem Mittleren Osten immer noch kollektive Verdrängung. An diesem Punkt beginnt Andersons Reise durch Epochen und Länder. Im Zeitraffer streift er die Herrschaft Italiens in Libyen, das Sykes-Picot-Abkommen zwischen Großbritannien und Frankreich, die "Teile und herrsche"-Strategien der europäischen Mächte (und ihre Verbrechen, wenn diese Taktik mal nicht funktionierte), die Wandlung Amerikas Anfang des 20. Jahrhunderts vom Hoffnungsträger der Araber zum ölsüchtigen Hegemon, die Gründung des Staates Israel infolge eines europäischen, eines deutschen Menschheitsverbrechens.

Die Parole "Der Westen ist an allem schuld" liegt Scott Anderson dabei fern. Seine ersten Seiten sind weniger eine Abrechnung als vielmehr eine Einladung in das Wohnzimmer der Mathematik-Professorin Laila Soueif, Matriarchin einer Kairoer Dissidentenfamilie und seine älteste Protagonistin. Deren Biografie reicht bis in die Ära Nasser zurück, und so wird die Mittsechzigerin in den weiteren Episoden des Buches zu einer grenzübergreifenden Stimme. Ihre jahrzehntelangen Erfahrungen mit Protesten, Unterdrückung und der ewigen Spaltung zwischen säkularer und religiöser Opposition erklären nicht nur viel über Ägypten, sondern auch über den Verlauf der Arabellion in anderen Ländern.

Die ist – daran lässt Anderson keinen Zweifel – vor allem an der gnadenlosen Repression durch die alten Eliten und an der Gewaltdynamik gescheitert, die durch die planlose US-Invasion 2003 im Irak ausgelöst wurde. Aber wie genau das geschehen ist, entzieht sich einem simplen "Gut gegen Böse"-Schema. Keiner der Protagonisten dieses Buchs passt denn auch in die Stereotype über den Mittleren Osten.

Den Peschmerga Azar Mirkhan erlebt Anderson im Nordirak als mutigen Kämpfer an der Front gegen den IS – und wenig später als xenophoben kurdischen Nationalisten, der seinerseits nicht vor der Vertreibung anderer zurückschreckt. Aus der zur Heirat bestimmten jungen Irakerin Khulood al-Zaidi wird nach der US-Invasion 2003 eine unerschrockene Frauenrechtlerin (mit Kopftuch), die zwischen Bewunderung für Amerika und Entsetzen über dessen katastrophale Politik schwankt. Den Libyer Majdi el-Mangoush wirbelt der Aufstand gegen Gaddafi auf absurde Weise zwischen den Fronten hin und her, der Syrer Majd Ibrahim hasst das Assad-Regime ebenso wie die Rebellen, die es bekämpfen. Der IS-Henker Wakaz Hassan entpuppt sich als Gelegenheitsarbeiter, der sich den Dschihadisten anschloss, weil der ältere Bruder auch schon dabei war und das Geld stimmte.

Melancholisch, nicht apodiktisch

Solche Motive fand Scott Anderson bei fast allen der über 20 inhaftierten IS-Kämpfer, mit denen er während der Recherche zu diesem Buch gesprochen hat. Diese Männer, so schreibt er, hätten ihn eher an Mitglieder amerikanischer Gangs oder Drogenkartelle erinnert als an das Image von den islamistischen Reitern der Apokalypse, das der IS so gern von sich verbreitet und die westliche Öffentlichkeit so bereitwillig aufgesogen hat. So lakonisch hat selten einer diese Terrorgruppe entdämonisiert, ohne sie zu verharmlosen.

Andersons Ton ist nie dramatisch, beschwörend oder gar voyeuristisch. Er beherrscht die Kunst der leisen, nüchternen Anteilnahme eines Reporters, der nicht recht haben, sondern immer noch ein bisschen genauer hinsehen will. Viel Grund zur Hoffnung hat er dabei nicht gefunden in dieser Region, in der sich soziale, ökonomische und ökologische Krisen gegenseitig so rasant beschleunigen wie wohl nirgendwo sonst. Und deren Aussichten auf Besserung mit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA garantiert nicht gestiegen sind.

Aber Andersons Pessimismus ist ein melancholischer, kein apodiktischer. Er hat zu viel Respekt, wie er schreibt, "vor der Kraft Einzelner, Veränderungen herbeizuführen". Am meisten haben ihm die beiden Frauen imponiert, die Ägypterin Leila Soueif und die Irakerin Khulood al-Zaidi. Soueif besucht nach dem Tod ihres Mannes nicht mehr ihn, sondern ihre politisch aktiven Kinder im Gefängnis. Und protestiert weiter gegen Al-Sissis repressives Regime, das vierte, das sie erlebt. Die Irakerin Al-Zaidi musste vor denen fliehen, die ihr Engagement für Frauen als westliche Unterminierung denunzieren. Inzwischen ist sie in Klagenfurt gelandet. "Für Österreich eine Bereicherung", schreibt Scott Anderson. Und fügt hinzu: "Für den Irak ein Verlust."

Scott Anderson: Zerbrochene Länder – Wie die arabische Welt aus den Fugen geriet. Aus dem Englischen von Laura Su Bischoff; Suhrkamp Verlag, Berlin 2017; 264 S., 18,– €, als E-Book 17,99