In einem bayerischen Dorf sitzen zwei Männer im Wohnzimmer, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen. Beide: klein, gedrungen, randlose Brille, kurze Haare, dunkle Kleidung, weißer Stehkragen. Der einzige Unterschied ist der Vorname: Peter und Hans-Jürgen. Den Nachnamen teilen sie: Treittinger. Ebenso das Alter, 55 Jahre. 54 Jahre lang teilten sie auch ihr Leben.

Hans-Jürgen Treittinger: Ohne den Bruder zu sein, das konnten wir uns nie vorstellen.

Peter Treittinger: Wir sind uns so ähnlich. Einmal bist du mittags in den Kaufhof gegangen und hast Bettwäsche gekauft. Ich ging abends, und ohne dass wir uns abgesprochen haben, war es dasselbe Stoffmuster. Weißt du das noch?

Hans-Jürgen: Ja, da waren wir etwas schockiert.

Peter: Aber es passt zu uns. Als Kinder hatten wir kaum Freunde, wir hatten ja uns. Nach der Schule sind wir nach Hause gekommen, haben gegessen, schnell Hausaufgaben gemacht und sind raus, mit dem Fahrrad an die Donau. Die war nicht weit von unserer Wohnung in Regensburg.

Hans-Jürgen: Und wenn schlechtes Wetter war, haben wir gezeichnet.

Peter: Querschnitte von Autos, stundenlang. Unsere Mutter erzählt noch heute, dass wir schon Automarken kannten, als wir zu sprechen begannen. Zum Opel Admiral sagten wir Ataral.

Hans-Jürgen: An den Wochenenden fuhren wir weg. In den Bayerischen Wald, Pilze sammeln, und Kirchen anschauen. Das wollte unser Vater.

Peter: Was den Glauben betrifft, waren wir eine normale Familie. Sonntags gingen wir zur Messe, aber nicht immer in dieselbe Kirche.

Hans-Jürgen: Gemeindemenschen waren wir nie. Nicht einmal Messdiener sind wir gewesen!

Peter: Gehen, wohin wir wollten: Das war eine Form der Freiheit für uns.

Hans-Jürgen: Unabhängigkeit war uns immer wichtig. Jahrelang sind wir sehr viel gereist. Mexiko, Brasilien, Bali, Hongkong, Moskau, Petersburg, fast alle Länder Europas. Jedes Mal haben wir uns zu zweit überlegt, wo wir hinwollen.

Peter: Wir beide haben einander genügt. Wir wollten das für uns entdecken. Reisegruppen hätten nur gestört.

Hans-Jürgen: Und wenn wir nicht gereist sind, haben wir gearbeitet.

Peter: Zusammen gearbeitet. Jeden Morgen fuhren wir mit dem Fahrrad zum Rathaus.

Hans-Jürgen: Unser Vater war Beamter bei der Stadt Regensburg. Nach dem Abitur wussten wir nicht recht, was wir machen sollten. Da sagte er: Bewerbt euch doch für den gehobenen Verwaltungsdienst. Es gab eine Prüfung mit über 100 Bewerbern für acht Plätze. Wir erreichten exakt dieselbe Punktzahl und wurden genommen.

Peter: Während der Ausbildung zogen wir zum ersten Mal weg. Dreimal lebten wir für je ein halbes Jahr in Hof und gingen auf die Beamtenfachhochschule. Zwischendurch, wenn wir ein Praktikum machten, lebten wir daheim in Regensburg. Danach haben wir 30 Jahre lang bei der Stadt gearbeitet. Du im Liegenschaftsamt, ich in der Stadtkämmerei. Wir haben das gern gemacht.

Hans-Jürgen: Wobei man ehrlich sagen muss: Vom ersten Tag an habe ich die Atmosphäre als etwas komisch empfunden. Ich fing an, und da war keine Euphorie.

Peter: Es hat uns nicht ganz ausgefüllt. Lebenserfüllung gaben uns die Wochenenden, an denen wir weggefahren sind. Und die Fernreisen.

Hans-Jürgen: Abends, wenn wir heimkamen, saßen wir im Wohnzimmer und überlegten, welcher Ort uns begeistern könnte. Immer häufiger waren es religiöse Ziele, die uns reizten.

Peter: Wir hatten ein Buch über die Wallfahrtsorte Europas.

Hans-Jürgen: Ich hatte das Gefühl, ich möchte zu jedem fahren.

Peter: Wir gingen ja als Kinder schon gern in die Kirche. Damals wollte unser Vater nach der Messe mit uns über das Evangelium und die Predigt sprechen. Wir blockten ab. Da war eine Scheu, uns über den Glauben zu unterhalten. Auch gemeinsames Beten gab es nicht in unserer Familie.

Hans-Jürgen: Vielleicht mal ein Tischgebet vor dem Essen.

Peter: Mehr aber nicht. An den Wallfahrtsorten haben wir erst richtig gelernt, wie Glauben gelebt werden kann. Menschen kommen zusammen, um Gott anzubeten, gemeinsam zu singen, zu schweigen. Das berührt das Innerste.