Wie begehen Sie die Tage der Buße und der Erinnerung an den kommenden Weltenrichter? Man stelle sich vor, so lautete die Einstiegsfrage zum netten Frühdezembergespräch. Keine Tipps für die besten Glühweinstände auf dem Weihnachtsmarkt, kein Lamento über verstopfte Innenstädte oder misslungene Zimtsterne, Schwiegereltern unterm Tannenbaum oder die vergebliche Sehnsucht nach ruhigen Tagen. Es ist ja schon ein Bekenntnis, wenn Leute den Trubel mögen, die vielen Feiern, die Suche nach den richtigen Geschenken für die Lieben, den Geruch aus Kitsch und Erwartung. Wer als Erwachsener nicht ein paar konsum- und zeitkritische Sätze hinterherschreibt, macht sich verdächtig.

Doch dass die Adventszeit in der Geschichte des Christentums lange als Bußzeit verstanden wurde, als Zeit des Innehaltens und als Bedenkzeit für das kommende Weltgericht, ist sogar in den unzähligen Basarkreisen und Kirchenkantoreien vergessen. Obwohl die Chöre in den Adventskantaten davon singen. Nicht mal eine Pastorin dürfte mit dem Hinweis auf das kommende Weltgericht in ein Gespräch einsteigen, ohne dass die Gegenüber sich Sorgen über den Geisteszustand machten. Dabei ist das Bild von Christus, dem kommenden Weltenrichter, überall gegenwärtig. Hunderttausende schlurfen an heißen Sommertagen in die Sixintische Kapelle in Rom, um dem Weltenrichter bei der Arbeit zuzusehen, Christus sitzt auf dem Richterstuhl über vielen Kirchenportalen. Jeder Kirchgänger, der über die Schwelle geht, stellt sich für die Länge eines Schrittes dem kommenden Gericht.

Im Glaubensbekenntnis ist es der einzige Satz im Futur: "... er wird kommen zu richten die Lebenden und die Toten". Der Satz ist nicht gestrichen, schlimmer noch: Er wird gesprochen, aber kaum je besprochen. Jahrhundertelang war dieses Fragment im Bekenntnis des Christentums Anstoß und Angstmaß zugleich. In jedem Falle Grund genug für ein kurzes sonntägliches Stolpern, in manchen Fällen Anlass für ein lebenslanges Hadern oder Spotten, die Initialzündung für scharfe Christentumskritik wie im Falle Friedrich Nietzsches oder tiefen theologischen Zweifels wie bei Sören Kierkegaard. Auch die Kampflaizisten dieser Tage zitieren gerne das Bild vom Weltgericht, um sich über das Christentum als Angstreligion der Gebeugten oder der Selbstgerechten zu mokieren. Doch die, die ihr Leben und ihr Sterben durch die christliche Botschaft deuten, scheinen ein Schweigekomplott gegen das endzeitliche Bild vom Weltgericht eingegangen zu sein.

Da und dort in düster radikalen Gemeindegruppen wird Kindern noch gedroht. Hier ist das Weltgericht Erziehungsmittel oder Pathosformel zur Abgrenzung gegen die böse Welt, manchmal auch verbunden mit einer Geschichtsdeutung, die die Zeichen der Endzeit in der unmittelbaren Gegenwart sieht. Das ist allerdings schon seit Jahrhunderten so. Die Gegenwart wird als das Einfallstor zur Apokalypse verstanden. Doch die Idee von Gott als dem Weltenrichter ist selbst da verschwunden, wo die Kulturkritik, nach der alles immer nur noch schlechter wird, kirchlich intoniert wird. Der Richtergott ist im Ruhestand.

Vielleicht hatte die Generation der gottesvergifteten Kinder alles Recht dazu. Aus dem Weltenrichter wurde nur zu oft ein Richter über Kinderzimmer und Schlafzimmer, der unter Bettdecken guckte und sogar vor der Fantasie keinen Halt machte. Ein gnadenloser Ausleuchter dunkler Ecken des Ich, vor dem kein Geheimnis sicher war. Deshalb begann der Ausverkauf des biblischen Bildes vielleicht schon in dem Moment, wo es zum Missionierungs- oder Erbauungsmittel wurde. Bei den einen sollte die Drohung die Bekehrung bewirken, bei den anderen die Bestätigung, auf der richtigen Seite zu sitzen, da, wo der Richtergott milde nickt.

Die Trivialisierung des Christentums begann nicht da, wo der "liebe Gott" und das Recht auf Glück alle anderen Dimensionen religiöser Rede überdeckte, sondern da, wo die Idee des Letzten Gerichts auf Wohnzimmergröße verkleinert wurde. Denn das Bild hat es in sich. Es wurde zu lange im Bilddepot des Schreckens untergebracht. In der biblischen Tradition gehört es da aber gar nicht hin. Der Richter der Welt wurde Teil der Gebetssehnsucht des Gottesvolkes, als es sich großem Unrecht ausgesetzt sah. Krieg, Verwüstung, Deportation und Exil, innere Verlorenheit und die Erfahrung des Schweigens Gottes stehen hinter dieser Sehnsucht. "Gott, schaffe Recht!", rufen die Psalmisten zu allen Zeiten. Ein Nachtschrei, schweißgebadet. Es ist die Erfahrung, nicht bei Trost zu sein, die in Gott nicht nur den Heiland und Erlöser, sondern auch den Weltenrichter anruft. Eine letzte Instanz, die sich vor all die Instanzen schiebt, die letztes Recht und letzte Ordnung für sich beanspruchen.

Hier hat auch die biblische Apokalypse ihren religiösen Sinn: nicht im zukünftigen Schrecken, sondern in der Enthüllung des jetzigen Grausens. Apokalypse, das ist der investigative Blick Gottes auf die Welt, ein Blick, der sich nichts vormachen lässt, der die Dinge so sieht, wie sie sind, auch wenn menschliche Augen diese Wirklichkeit kaum ertragen. Das Weltgericht Gottes wird so zur kritischen Instanz gegenüber allen Formen der Selbstinstanziierung.