Beim Anblick des Deutschen Aktienindex Dax bekommt man dieser Tage schnell ein schlechtes Gewissen: Das Geld auf dem Konto geparkt, das Bad renoviert, ein neues Auto gekauft?

In die Börse hätte man investieren sollen! Im Oktober hat der Dax den Stand von 13.000 Punkten durchbrochen. Die Aktienkurse haben sich seit der Finanzkrise 2009 verdreifacht. Anleger hatten damals die Chance, sich günstig mit guten Standardwerten einzudecken. Deutschland hat eine der stärksten Volkswirtschaften der Welt. Aber anstatt über Aktien oder Fonds am wirtschaftlichen Erfolg teilzuhaben, stagniert die Zahl der Besitzer von Aktien und Aktienfonds seit zehn Jahren bei rund neun Millionen. Vom Börsenboom profitieren andere – Rentner in den USA zum Beispiel, die über Fonds in deutsche Unternehmen investiert sind.

Die Deutschen haben Angst. Oder sie halten nicht durch: Wenn die Ausbildung der Kinder, Reisen oder die Wohnung finanziert werden sollen, verabschieden sich viele Sparer wieder von der Börse. Erst jenseits der 60 werden sie wieder zu überzeugten Aktionären, wenn die wertvollen Jahre des Ansparens vorbei sind. Das ist fahrlässig angesichts der wackeligen Rentenfinanzierung.

Dabei könnte es so einfach sein. Das Deutsche Aktieninstitut, das sich für mehr Aktienbesitz starkmacht, hat anhand der durchschnittlichen Aktienrenditen von sieben Prozent in der Vergangenheit errechnet: Wer jeden Monat 100 Euro in Aktien investiere, könne in 30 Jahren etwa 120.000 Euro ansparen. Am Rentenmarkt würde es doppelt so lange dauern. Und wer sein Geld zu Niedrigzinsen parke, habe am Ende kaum mehr als die 36.000 Euro, die er über die Zeit eingezahlt hat.

Was tun, um die Aktienkultur zu stärken? Es ist leicht gesagt, dass sich vor allem mehr Sparer trauen müssten, zu Anlegern zu werden. Wichtiger wäre es, dass die Politik Anreize schafft – zum Beispiel indem sie Wege findet, Kleinanleger steuerlich zu entlasten. Denn bisher fallen gleich mehrfach Steuern an: Die Unternehmen müssen ihre Gewinne versteuern, die Aktionäre ihre Kapitalerträge. Doch ganz gleich, wer nun in den nächsten Monaten über eine Regierungskoalition verhandelt – das Thema dürfte in den Gesprächen allenfalls eine Nebenrolle spielen oder womöglich ganz auf der Strecke bleiben.

Ganz unabhängig vom Steuersystem hemmt der Generationenvertrag die Entstehung einer Aktienkultur. Würden die Deutschen nicht im Berufsleben die Renten der Ruheständler finanzieren, sondern ihre eigene Rente ansparen, hätte die Börse in unserem Lande einen höheren Stellenwert. Dann würde das Wort Aktie nicht immer mit dem Wort Zocken verbunden, mit verantwortungslosem Spekulieren; dann würden Politiker wie Sigmar Gabriel Aktionäre nicht als Menschen bekritteln, die "auf dem Sofa" lägen und weniger Steuern zahlten "als einer, der jeden Tag arbeiten geht". In Ländern wie Schweden und Großbritannien sind Arbeitnehmer in ein System eingebunden, in dem ihre Rente angespart und am Kapitalmarkt angelegt wird – dort hat der Besitz von Aktien mehr Akzeptanz.

Die mangelnde Aktienkultur hat aber auch mit den Banken zu tun. Kaum ein Berater hat nach Ausbruch der Finanzkrise seinen Kunden geraten, Wertpapiere zu kaufen. Dabei waren Unternehmen wie BMW damals an der Börse weniger wert als die Maschinen in ihren Werkshallen. Banken verdienen eben wenig an Kunden, die sich in der Krise ein solides Depot aus Standardwerten kaufen und es dann 20 Jahre lang liegen lassen.

Dabei ist Durchhalten genau der richtige Weg: Nach dem Einbruch der Märkte im Jahr 2001 dauerte es etwas mehr als sieben Jahre, nach der Finanzkrise sechs Jahre, und der alte Börsenstand war wieder erreicht. Das sollte man auch heute bedenken: Der Dax mag Rekorde brechen, und er wird sicher auch wieder einbrechen. Aber wer per Sparplan schrittweise oder auch einen größeren Betrag auf einmal in verschiedene Aktien investiert – zum Beispiel über Aktienfonds –, der hat auf Dauer gute Karten. Und am Ende sicher kein schlechtes Gewissen.