Lange klang es bloß wie eine Verschwörungstheorie, zu absurd, um wahr zu sein: Der amerikanische Geheimdienst CIA förderte im Kalten Krieg abstrakte Kunst, um den Kommunismus zu besiegen. Inzwischen aber ist belegt: Über Mittelsmänner finanzierte der Dienst etwa Wanderausstellungen und vielversprechende Künstler. Das Berliner Haus der Kulturen der Welt widmet den ungewöhnlichen Mäzenen gerade eine umfangreiche Ausstellung.

Doch nicht nur die CIA versuchte, der Welt mit Werken des abstrakten Expressionismus die Überlegenheit des amerikanischen Systems zu zeigen. Die Flächen aus reiner Farbe waren für Händler, Kritiker, Geschichtsschreiber, Ausstellungsmacher und Geschäftsleute wahre Alleskönner: Sie wirkten avantgardistisch und ließen diverse Interpretationen zu. Wie ein Blankoscheck konnten sie in Zeiten des Kalten Krieges für beliebige kulturpolitische Ziele ausgestellt werden.

Die Idee der Kultur als Waffe war keine amerikanische. Im Sturm und Drang beispielsweise griffen Johann Gottfried Herder oder Johann Wolfgang Goethe die französische Kultur radikal an. Und in Zeiten des Kalten Krieges betrieb auch die Sowjetunion national motivierte Kulturpolitik. Mit den amerikanischen Expressionisten aber gelang es besonders erfolgreich.

Entstanden war die Kunstbewegung in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg. Radikal, mutig, frisch und dennoch tiefgründig kamen die Bilder der amerikanischen Maler daher, und das genau zur richtigen Zeit: Der US-amerikanische Kunstkritiker Clement Greenberg verkündete 1948, dass nicht nur die Schwerpunkte der politischen Macht und der industriellen Produktion, sondern auch das Zentrum der westlichen Kunst endlich von Europa in die USA verlagert würden.

So kam es gelegen, dass etwa Jackson Pollock die Indianerkunst als Inspirationsquelle nannte und für kulturelle Wurzeln sorgte, die unabhängig von Europa waren. Die abstrakten Farbflächen sollten plötzlich das spirituelle Erbe der ermordeten Indianer verkörpern. Darüber hinaus gaben viele Künstler an, sich von der Last der europäischen Geschichte befreien zu wollen. Die USA standen für Demokratie und Freiheit, nur hier seien die abstrakten Gemälde möglich: In ihren Bildern könne sich das Unterbewusstsein ungehemmt ausdrücken, anders als im faschistischen Europa oder in der kommunistischen Sowjetunion. Auch der europäischen Philosophiegeschichte und ihren Theorien über das Erhabene setzten sie etwas entgegen: Ihre getropften, gemalten oder monochrom gestrichenen Farbbilder in Übergröße waren ihre zeitgenössische Antwort auf das altakademisch Erhabene.

Die Künstler wurden als Abenteurer gefeiert, die sich wie Cowboys ihren Weg an die Spitze der Kunstwelt freischossen. Der abstrakte Expressionismus repräsentierte den amerikanischen Traum: Heldentum, Freiheit und Abenteuer.

Vermarktet wurde die kulturelle Überlegenheit durch Interviews, Homestorys in Lifestylemagazinen, überschwängliche, dramatisierende Artikel der Kunstkritiker und klug beworbene Wanderausstellungen. Auch große Banken mischten sich ein: Nelson Rockefeller war ein bekannter Förderer und Sammler dieser Kunst, die er als "Malerei des freien Unternehmertums" verstand. Rockefeller stand als Präsident auch dem Museum of Modern Art in New York vor. Aktuell wird erneut dazu geforscht, wie sehr sich die Ziele des Museums mit denen der CIA deckten.

Die amerikanischen Expressionisten selbst malten allerdings nicht aus politischer Motivation heraus. Wohl auch deshalb funktioniert der Blankoscheck heute noch: Inzwischen werden die Werke von den Auktionshäusern vor allem wegen ihres emotionalen Gehalts und ihrer sinnlichen, einzigartigen Farbwahrnehmung versteigert.

Die globale Ausstellungsgeschichte ging nach dem Kalten Krieg weiter. Einige Kritiker merken an, dass die steigenden Preise das eigentlich Erhabene darstellen: Werke der abstrakten Hauptakteure wie Jackson Pollock, Mark Rothko oder Willem de Kooning etwa erzielten zuletzt Preise von zum Teil über 50 Millionen Euro. Auf den diesjährigen Herbstauktionen von Christie’s und Sotheby’s, die Mitte November stattfanden, wurden zwar überwiegend günstigere Papierarbeiten der Künstler angeboten. Doch auch sie richteten sich an Gewinner des Kapitalismus: Sie brachten Erlöse von jeweils mehreren Millionen Euro ein.