Eine der Ersten, die gemerkt haben, dass die Ära Merkel sich dem Ende zuneigt, war Angela Merkel. Das war im Herbst 2016, als sie nicht mehr wollte, eigentlich. Aber dann, nach einigem tiefen Nachdenken und ein paar sehr ernsten Gesprächen, wusste sie, dass es noch nicht ging, zu viel Le Pen, zu viel Trump und Brexit stand vor den Toren, als dass sie als letzte stabile Führerin des Westens hätte gehen können. Sie wollte nicht mehr, aber sie musste, und weil sie musste, wollte sie dann auch. Wahrscheinlich sind Protestanten so.

Auf diese Weise wurde das Ende der Ära Merkel etwas hinausgeschoben, um vier Jahre, das hat sie den Wählerinnen und Wählern versprochen und sich selbst verordnet. Dann kam die Bundestagswahl, die sie verloren und zugleich gewonnen hat, Merkel, die geschlagene Siegerin. (Eine vertraute Rolle übrigens, so war es auch 2005.) Doch wäre ihre Ära so oder so vorbei gewesen, auch bei einem Triumph der CDU oder bei gelungenen Jamaika-Verhandlungen. Nur wirkt sie durch das Scheitern von Jamaika irgendwie noch vorbeier. Am allervorbeisten erscheint die Ära jedoch durch die nun mögliche oder drohende Wiederauflage der großen Koalition. Ein Hauch von Müdigkeit legt sich da auf die Kanzlerin, sie würde es Pflicht nennen.

Zumal ihr die vier Wochen Sondierung mit den Grünen, bei denen nach Aussage von Zeugen auch die FDP anwesend war, so gut gefallen haben, offenbar hatte die Kanzlerin nicht gewusst, wie gründlich, detailverliebt, ausdauernd und stoisch, also wie Merkel die Grünen sein können. Am Donnerstag vor dem Sonntag des Scheiterns fand in der CDU-Zentrale die erste schwarz-grüne Koalition im Bund statt, sie dauerte eine Stunde, es waren vierzehn Grüne und eine Merkel anwesend, und die Gespräche waren nach übereinstimmenden Berichten offen, konzentriert, heiter, kurzum: schön.

Vorbei. Oder doch nicht? Falls es mit der SPD nicht klappen sollte, dann dürfte der Bundespräsident die Bundeskanzlerin in drei Wahlgänge schicken und sie zu zwingen versuchen, eine Minderheitsregierung zu bilden. In dem Fall gäbe es zwei Möglichkeiten: Entweder nur Schwarz, dann handelte es sich um eine Art Massenscreening für Unionstalente, jeder kriegte einen Ministerposten oder würde zumindest Staatssekretär. Die andere Variante könnte doch noch Schwarz-Grün heißen, da wäre der Koalitionsvertrag schnell fertig, es müsste im Wesentlichen nur der FDP-Anteil aus dem Sondierungsdokument gestrichen werden. Schwarz-Gelb hingegen wird es nicht geben, nicht mit ihr jedenfalls. Zwar hat sich Angela Merkel, die Frau, die sich keine Feinde machen will, mit Christian Lindner nach dem Sonntag des Missvergnügens schon wieder unter vier Augen getroffen, doch für die Bildung einer gemeinsamen Minderheitsregierung reicht das Vertrauen eher nicht.

Apropos Sondierungsdokument. Irgendwo wird in Berlin diese Woche das Ergebnis oder Nichtergebnis von Jamaika ins Reine geschrieben, und das nicht nur für Historiker. Die Union, erst recht die unendlich lernwütige Kanzlerin, wird diesen vierwöchigen Lernprozess nicht einfach ad acta legen. Die SPD wäre gut beraten, die Sache genau zu studieren, manches davon könnte ihr in den kommenden Gesprächen zur Anbahnung einer Sondierung zur Herbeiführung von Koalitionsverhandlungen zur Ermöglichung einer schwarz-roten Regierung wieder begegnen. Gewiss wird die Union von den Sozialdemokraten nicht jene berühmt gewordene Reduzierung der Kohlestromproduktion um sieben Gigawatt fordern. Aber viel weniger nun eben auch nicht. Vielleicht ist Angela Merkel in Jamaika tatsächlich fast so grün geworden, wie man es ihr in den vergangenen Jahren zu Unrecht unterstellt hat.

In gewisser Weise hat Merkel schon mit allen Mitte-Parteien koaliert

Merkel hängt nicht (mehr) an der Macht, eher hängt die Macht an ihr, das sollte die SPD nicht vergessen, wenn sie jetzt posaunt, die Kanzlerin sei von der Sozialdemokratie abhängig. Auf den ersten Blick scheint Merkel eingeklemmt zu sein zwischen einem SPD-Bundespräsidenten, der sie in eine Koalition drängt, und einem potenziellen sozialdemokratischen Koalitionspartner, der die Preise hochtreibt. Doch am Ende kann eine neu gewählte Minderheitskanzlerin immer noch die Vertrauensfrage stellen und so Neuwahlen erzwingen. Und dann ist doch sehr die Frage, wer mehr Angst vor Wahlen haben muss. Merkels Macht schwindet, jeder kocht sein eigenes Süppchen, siehe Landwirtschaftsminister Schmidt. Aber was bedeutet es, dass die Ära Merkel zu Ende geht? Sehr viel, weniger für sie als für die Union und die politische Kultur in Deutschland.

Zunächst also die CDU. In gewisser Weise hat Angela Merkel nun mit allen Mitte-Parteien koaliert, mit der CSU, mit der SPD, den Grünen und der FDP. Dabei sind ihrer Partei beinahe alle Kampfthemen abhandengekommen, sie hat die Politik der anderen absorbiert und dabei verändert, sie hat aber auch die Union absorbiert und verändert. Wie eine Union nach Merkel aussehen könnte, das weiß die Kanzlerin nicht, das weiß zurzeit aber auch sonst niemand. Nicht die CSU, die ihren Kampf um Personen gerade darum so erbittert ausficht, weil die Richtung so ungewiss ist, und deren Glyphosat-Putsch auf rasch vergängliche Augenblicksmacht setzt. Auch der Jens-Spahn-Flügel von bisher unbekannter Größe hat in Wahrheit kein Programm, das scheint nur so, weil er die Riesin provoziert, aber davon allein wird man noch nicht selbst zum Riesen. Auch die FDP sucht noch. Deren Programm – beziehungsweise deren forsches Herumtasten – wird von den Liberaleren in der Union als deutschnationale Sackgasse interpretiert, als etwas, womit man vielleicht Wahlen bestehen, aber hinterher nicht regieren kann. Und Regieren, das ist nun mal das ganz große Ding der Union.