Als Anis Amri vor ziemlich genau einem Jahr am Berliner Breitscheidplatz zwölf Menschen totfuhr, war ich gerade zu Besuch in Deutschland. Viele Medien, deutsche und internationale, lobten anschließend die gelassene Reaktion der Berliner. "Entweder werden wir wirklich unempfindlich gegenüber Terror, oder diese Stadt ist hart wie Nägel", twitterte der Guardian-Korrespondent. Wenige Tage nach dem Anschlag ging ich mit einem Freund auf den Weihnachtsmarkt in Hamburg. "Nicht, dass noch ein Auto in uns hineinfährt!", sagte er. Es sollte ein Scherz sein.

Seit drei Jahren lebe und arbeite ich in Israel als freie Journalistin. Niemandem, den ich dort kenne, fiele es ein, über einen Anschlag zu witzeln. Dabei ist den Israelis sonst wenig heilig. Sind wir Deutschen tatsächlich reifer und abgeklärter, was den Umgang mit Terror betrifft? Oder entspringt unsere viel bestaunte Kaltschnäuzigkeit einem Mangel an gesellschaftlichem Zusammenhalt? Auch Israelis wird eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit Terror nachgesagt. Doch die ist in meiner Erfahrung von gänzlich anderer Natur.

An einem Mittwochabend im Juni 2016 setzten sich zwei junge Palästinenser an einen Tisch auf der Terrasse des Max-Brenner-Cafés im Sarona-Park, einer Open-Air-Shoppingmeile im Zentrum Tel Avivs. Sie hatten Brownies bestellt, bevor sie plötzlich aufsprangen und zu schießen begannen, wahllos, in alle Richtungen. Die Aufnahmen der Überwachungskamera zeigen, wie die Menschen panisch versuchen, sich zu retten, wie sie nach draußen drängen, über Stühle stolpern. Vier von ihnen schaffen es nicht. 17 weitere werden verletzt.

Am Donnerstagmittag, der Anschlag lag nur 14 Stunden zurück, trank ich am Ort des Blutvergießens einen Cappuccino. Seit ich in Israel lebte, hatte es etliche Anschläge gegeben, wenige waren meinem eigenen Alltag jedoch so nah gekommen. Der Sarona-Park ist beliebt unter jungen Berufstätigen, ich treffe mich manchmal selbst mit Freunden dort. Deshalb ging ich am nächsten Tag dorthin: Ich wollte wissen, wie sich ein vertrauter Ort unter dem Eindruck des Terrors verändert.

Die Antwort war schnell gefunden: gar nicht. Abgesehen von einer improvisierten Gedenkstätte auf dem Rasen vor dem Café erinnerte nichts an das Blutvergießen am Abend zuvor. Um mich herum saßen Rentner, junge Paare und Familien mit kleinen Kindern. Entspanntes Geplauder füllte den Raum, die Sonne schien freundlich durch die Fenster, es roch nach Kaffee und heißer Schokolade. "Wie fühlt es sich an, am Tag nach dem Anschlag hier zu arbeiten?", fragte ich einen Kellner. "Normal", sagte er, zuckte mit den Schultern und grinste schief. "Was soll man machen?"

Es ist eine Einstellung, die viele Israelis teilen. Der jüdische Staat kennt Terror seit seiner Geburt, seine Bürger wachsen auf in dem Bewusstsein, dass nicht nur Autounfälle und Herzinfarkte, sondern auch Selbstmordattentäter und Messerstecher Menschen jederzeit aus dem Leben reißen können. Diese absolute Willkür und die Angst, die sie auslöst, ist die stärkste Waffe der Terroristen: Es kann das Kleinkind auf dem Spielplatz treffen oder den Rentner an der Bushaltestelle. Doch zugleich liegt in dieser Unberechenbarkeit etwas Befreiendes: Wenn man sich ohnehin nicht schützen kann, muss man es gar nicht erst versuchen.

Diese Lektion habe auch ich verinnerlicht. Der Gedanke an Anschläge spielt in meinem Alltag keine Rolle. Eine meiner Lieblingsbars war lange das Simta, jene Bar, in der am Neujahrstag 2016 ein arabischer Attentäter zwei junge Männer erschoss und acht weitere verletzte. Noch Wochen später sah man die Einschusslöcher in der Verglasung. Ich traf mich trotzdem weiterhin jede Woche dort mit Freunden, weder aus Wagemut noch Naivität, sondern allein der nüchternen Erkenntnis wegen, dass ein Anschlag die Wahrscheinlichkeit eines zweiten nicht erhöht. Allenfalls senkt er sie: In den Monaten nach dem Angriff bezog auch ein bulliger Sicherheitsmann vor dem Simta Posten.

Der Terror in Israel hat eine andere Geschichte als die jüngsten Anschläge in Europa. Doch die teuflische Willkür, mit der die Attentäter unschuldige Zivilisten aus dem Leben reißen, ist an jedem Ort gleich. Was können, was müssen wir von den Israelis lernen?, fragen Kommentatoren gelegentlich in Deutschland, seit islamistische Terroristen Europa ins Visier nehmen. Dabei geht es nicht nur um Taschenkontrollen und Geheimdienstarbeit, sondern auch um die Frage, wie eine Gesellschaft unter dem Druck ständiger Terrorgefahr nicht zerbricht. Die Israelis, so heißt es oft, haben sich an Terror gewöhnt.

Doch man gewöhnt sich nicht an Bomben und Messerattacken, wie man sich an schlechtes Wetter oder scharfes Essen gewöhnt. Es stimmt, Israelis reagieren gefasst auf die Nachricht von einem Anschlag, sie arbeiten weiter, gehen aus, sie funktionieren. Doch in den Stunden danach ist die Stimmung gedämpft, der Anschlag Gesprächsthema. Und die Menschen leiden mit den Opfern, gleichgültig, ob sie sie persönlich kannten oder nicht. Die Polizei veröffentlicht kurz nach einem Anschlag Porträts der Getöteten. Zeitungen widmen den Opfern eigene Artikel, drucken die Fotos, lassen Angehörige und Freunde zu Wort kommen. Israel ist ein kleines Land mit großen, weitverzweigten Familien: Jedes Opfer ist der Neffe der Frau des Arbeitskollegen oder die Cousine des Ex-Kameraden aus der Armee. Deshalb ist jeder Anschlag ganz nah dran. Die kollektive Erinnerung an jahrhundertelange Verfolgung tut ihr Übriges, den sozialen Zusammenhang zu stärken, ungeachtet der massiven politischen und sozialen Spaltungen, die die israelische Gesellschaft durchziehen. Ein Anschlag auf einen von uns, so fühlen viele, ist ein Anschlag auf uns alle.

Auch Politiker reagieren in Israel und Deutschland auf Anschläge höchst unterschiedlich. In Israel erhalten Angehörige von Terroropfern Kondolenzbesuche von hochrangigen Politikern, manchmal kommen der Ministerpräsident oder der Präsident persönlich vorbei. Nach dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz klagten Hinterbliebene, sie fühlten sich von der Politik alleingelassen. Auf der anderen Seite bemühen sich Politiker in Deutschland darum, eine versöhnliche Botschaft zu verbreiten: Keinesfalls dürften Flüchtlinge, Migranten oder Muslime für die Taten eines Einzelnen haften. Israelische Politiker wiederum versprechen nach einem Anschlag verschärfte Sicherheitsmaßnahmen und die Bestrafung der Täter. Nach der Attacke auf das Max-Brenner-Café annullierte die Regierung Zehntausende Reisegenehmigungen für Palästinenser im Westjordanland und Gaza. Das "Wir"-Gefühl ist stärker in Israel. Das "Die"-Gefühl auch.

Wer erlebt, wie rasch nach einem Anschlag in Israel der Alltag einsetzt, könnte den Eindruck gewinnen, Terror sei bloß ein vorübergehendes Beben, das die Gesellschaft aufschreckt, aber nicht dauerhaft erschüttert. Doch das wäre ein Trugschluss. Vor 25 Jahren war Israel ein anderes Land. 1993 einigten sich Jitzchak Rabin und Jassir Arafat mit den Oslo-Verträgen auf die Einleitung eines Friedensprozesses. Israelis, die jene Zeit miterlebten, berichten von einem Optimismus, der weite Teile der Gesellschaft erfasste; viele Menschen glaubten an den Frieden, der greifbar nah schien. Die Ermordung Rabins 1995 durch einen israelischen Rechtsradikalen versetzte dieser Hoffnung den ersten Schock. Doch es war die Terrorwelle der Zweiten Intifada, die Selbstmordattentate auf Busse und Cafés, die Schüsse auf Zivilisten fast jede Woche, die den Glauben an friedliche Koexistenz in weiten Teilen der israelischen Gesellschaft zerstörte. Zweifellos profitieren heute manche Politiker davon: Die rechte Likud-Partei des Premierministers Benjamin Netanjahu etwa ließ im letzten Wahlkampf Videos produzieren, die linke Parteien als naive Terroristenhelfer darstellen. Man kann das zynisch und geschmacklos finden. Doch der in Deutschland beliebte Vorwurf, Netanjahu "schüre" Ängste, trifft es nicht. Diese Ängste sind längst da.

Viele Deutsche blicken mit Befremden, gar Empörung auf den israelischen Rechtsruck und pflegen die eigene Toleranz und Weltoffenheit mit Stolz. Zweifellos sind das ehrenwerte Prinzipien. Doch wie sich unsere Gesellschaft verändern würde, wenn die Zahl der Anschläge zunähme, wissen wir noch nicht. Ich hoffe, wir müssen es niemals herausfinden.