In ihren Extremen unterscheiden sich Mangelwirtschaft und Überflussgesellschaft kaum voneinander. Entweder gibt es zu wenig Ware oder zu viel – in beiden Fällen steht man ewig in der Warteschlange.

So war das neulich beim Bäcker. Ich wollte bloß einen Kaffee und ein Körnerbrötchen. In der Schlange vor mir: zehn Kunden. Und jeder einzelne durchlief das komplette Vielfalts-Abfrageprogramm eines modernen Snack-Erlebnis-Tempels. Angefangen beim Heißgetränk. Latte? Klein? Groß? Mittel? Milch halbfett, vollfett? Laktosefrei? Ah, vegan! Auf Soja- oder Mandelbasis? Becher oder Tasse? To go oder Zum-hier-Genießen? Gern!

Nicht wenige Schlangesteher bestellen für eine ganze Gruppe, die in Erwartung der langen Wartezeit natürlich bereits am Tisch Platz genommen hat und gelegentlich befragt werden muss. Sonst droht Unklarheit darüber, welche Kaffeespezialität Hauke-Sybille-Paul-Marie heute bevorzugt, ob der Tee lose oder lieber im Beutel gewünscht wird und ob es statt Rooibos-Vanille ausnahmsweise auch Apfel-Zimt sein darf. Weiter geht es beim Essen: Zwei halbe Mettbrötchen, eines mit, eines ohne Zwiebeln, mal gebuttert, mal bitte mit Margarine – geht das mit Sesambrötchen, aber nur die Oberseiten? Und vier Brötchen zum Mitnehmen. Obwohl: Wird es ab sechs Stück nicht billiger? Noch was Süßes? Warum nicht! Sagen Sie, den Pflaumenkuchen da, haben Sie auch welchen ohne Hefe? Da fällt mir ein, kann ich den Latte noch zurückgeben, weil doch grad Spar-Kombi-Wochen mit mittlerem Cappuccino sind? Flugs noch Treuepunkte sammeln und Handy-Bezahl-App testen und, endlich: Der Nächste, bitte!

Ich will ja nicht meckern. Vielleicht bin ich nur ungeduldig. Verwöhnt bin ich aber nicht, ich wollte ja nur einen Kaffee und ein Körnerbrötchen. Eine mittelgroße Auswahl hätte mir gereicht: mehr als nichts, aber weniger als alles. Aber das ist wohl zu viel verlangt.