Eigentlich hätte alles ganz einfach sein können: 79 Regisseure wenden sich in einer Petition an die Kulturstaatsministerin Monika Grütters und bitten sie, sich bei einer wichtigen Entscheidung beraten zu lassen. Anlass ist die Zukunft der Berlinale. 2019 wird das Festival zum letzten Mal unter der Leitung von Dieter Kosslick stattfinden. Bis dahin muss die Nachfolge geklärt sein. In ihrer Petition fordern die Filmemacher die Kulturstaatsministerin auf, "eine internationale, zu gleichen Teilen mit Frauen und Männern besetzte Findungskommission" einzusetzen: "Ziel muss es sein, eine herausragende kuratorische Persönlichkeit zu finden, die für das Kino brennt." Gefordert wird zudem, die Berlinale "programmatisch und inhaltlich zu entschlacken".

Der nur wenige Zeilen umfassende Text erschien am vergangenen Freitagmorgen zunächst auf Spiegel Online. Dort wurde die Petition im Zentrum eines Artikels platziert, der an Kosslick und der Berlinale, ihrem Wettbewerb, ihren Nebenreihen kein gutes Haar lässt. Neudeutsch: Bashing. Unter diesem Vorzeichen ("79 Regisseure gegen Kosslick") wurde die Petition denn auch in den vergangenen Tagen weitgehend rezipiert.

Worum geht es den Filmemachern? Um die Zukunft des Festivals oder um die Dekonstruktion des Mannes, der es seit 16 Jahren leitet? Sprechen wir mit einigen der Unterzeichner. Zum Beispiel dem Regisseur Dominik Graf. Er ist wütend. Die Petition sei überhaupt nicht als Attacke gegen Kosslick gemeint gewesen, sondern als gemeinsame Initiative für eine transparente Neubesetzung der Berlinale-Leitung. "Wenn ich gewusst hätte, dass unser Schreiben in das publizistische Fahrwasser einer Abrechnung mit Kosslick gezogen wird, hätte ich nie unterschrieben." Dieter Kosslicks erste Berlinale 2002 sei ein Aufbruch für das deutsche Kino gewesen, sagt Graf. "Vier Filme im Wettbewerb, von Tom Tykwer und Andreas Dresen und dann auch extrem angegriffene Experimente wie Christopher Roths Baader und mein Film Felsen. Und Kosslick hat im Wettbewerb in all den folgenden Jahren eine Plattform geboten fürs deutsche Kino." Dann holt Graf noch einmal aus: "Genau das nervt mich an der deutschen Filmbranche: dieses 'Kopf ab!'-Geschrei, dieser Mangel an direkter Auseinandersetzung, an Differenzierung – und stattdessen wird dann immer hintenrum draufgehauen. Wir wollten mit der Petition nach vorne blicken, ohne nach hinten zu treten."

Aus Leipzig, wo er gerade seinen neuen Film dreht, meldet sich Andreas Dresen zu Wort. Diese heterogene Gruppe hätte sich nie zu einer Kosslick-Attacke zusammengefunden, sagt Dresen. "Es ging uns weder um Abrechnung noch um Kritik, noch um die Kampagne, die daraus gemacht wurde. Die ganze Debatte ist in höchstem Maße unfair." Und: "Man kann an einem Festival dieser Größenordnung immer etwas kritisieren, aber das ist eine andere Frage."

Einer der Initiatoren der Petition, die bereits im vergangenen Frühjahr an die Kulturstaatsministerin Monika Grütters geschickt wurde, ist der Regisseur Christoph Hochhäusler. Konsens der Unterzeichner sei gewesen, Schluss mit der Gerüchteküche um die Kosslick-Nachfolge zu machen und zugleich für einen Neuanfang einzutreten, sagt Hochhäusler. "Einige von uns finden Kosslick gar nicht so schlecht. Er macht es nur schon viel zu lange und kann nicht aufhören."

Für ihre Version eines Neuanfangs hatte Monika Grütters bereits vor einiger Zeit angekündigt, vorrangig eine Frau als Berlinale-Leiterin zu suchen. Seitdem kursieren Namen von deutschen Festivalleiterinnen und von Frauen aus der Filmförderung. Auf eine Anfrage der ZEIT zum Prozedere der Berlinale-Neubesetzung antwortet das Bundeskulturministerium vage: Grütters habe grundsätzlich nichts gegen eine Findungskommission, wolle aber die demnächst anstehende Entscheidung über eine eventuell neue Struktur des Festivals abwarten. Selbstverständlich lasse sich die Kulturstaatsministerin bei der Suche nach einer Nachfolge beraten – schon länger und von mehreren Seiten.

Und doch ist es seltsam: Eine Petition, die sich eigentlich an die Kulturstaatsministerin richtet, wird mit einer Attacke auf den Berlinale-Chef verbunden, die wiederum manche der Unterzeichner verärgert. Wie wäre es, ein wenig Klarheit zu schaffen und einen der Initiatoren zum ZEIT-Gespräch mit Dieter Kosslick zu laden? Christoph Hochhäusler lehnt ab. Nach mehreren Mails und Anrufen ist klar, dass sich auch sonst niemand bereit erklärt, mit Kosslick zu diskutieren. Also besuchen wir den Berlinale-Chef selbst in seinem Büro am Potsdamer Platz.

DIE ZEIT: Herr Kosslick, die Petition der Regisseure zu Ihrer Nachfolge fordert, ein zukünftiger künstlerischer Leiter solle das Programm "entschlacken".

Dieter Kosslick: Ich gehe nach der Berlinale ja immer in eine Fastenkur. Daher weiß ich, dass Schlacke eine reine Erfindung der medizinischen Wellnessindustrie ist. Und der Vorwurf, die Berlinale sei zu groß, ist alt. Das Festival zeigt nicht sehr viel mehr Filme als vor meiner Amtszeit. Es werden aber sehr viel mehr Karten verkauft. Wer die Größe des Festivals kritisiert, muss auch mal genau sagen, was wegsoll: Offenbar das Kulinarische Kino, denn wenn Kosslick geht, muss auch die Veranstaltung zu Kino, Essen und Filmen über Nahrungsmittelproduktion weg – da sind sich offenbar alle Kritiker einig, auch die, die noch nie dort waren. Aber dann wird es schwierig: Kurzfilme abschaffen? Die Kinder- und Jugendsektion Generation? Panorama und Forum? Den Filmmarkt? Die Koproduktionsaktivitäten? Ja, und dann?