Die Angst ist wie ein Tier. Wenn du sie nicht kontrollierst, kontrolliert sie dich. Am Montagvormittag, kurz nachdem der Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz eröffnet hat, lehnt Axel Kaiser in weinroter Schürze und mit Fliege am Tresen seiner "Berliner Weihnachtsterrasse", die alle nur liebevoll "Pufferelse" nennen. Es riecht nach Glühwein und Kartoffelpuffern, draußen schlendern Touristen vorbei.

Kaiser reibt seine Augen, er sieht müde aus. Die ganze Nacht hat er in seinem Laden Wache gehalten. Der Security-Mann hatte keine Zeit. Kaiser trank Bier und hörte Musik, Udo Jürgens und Que Sera, Sera von Doris Day.

Axel Kaiser sagt: "Es gibt hier ja so viele Verrückte, da weiß man nie, was passiert." Er hat Angst, dass jemand in seinem Laden randalieren könnte. Aber Angst vor dem Terror habe er nicht. Genau das sagen fast alle anderen Schausteller in diesen Tagen auf dem Weihnachtsmarkt.

Sie wollen Bratwürste verkaufen und gebrannte Mandeln. Sie wollen keine Opfer mehr sein. Aber genügt ein Jahr, damit die Erinnerung verblasst?

Zwei Tage vor der Eröffnung, 341 Tage nach dem Terroranschlag, an einem kalten, regengrauen Novembersamstag, tritt Kaiser in seine "Pufferelse". Es ist 10.15 Uhr. Er ruft den Handwerkern, die seine Bude aufbauen, ein müdes "Morgen" zu. Er steigt über Teppichrollen und Kisten hinweg und inspiziert die Baustelle, er nickt: Die Wände sind tapeziert, der Teppich verlegt. Nur der Strom fehlt noch und das Licht und die Soundanlage und die Dekoration.

Es wird knapp. Wie immer. Und vermutlich ist es das, wonach er sich in diesem Jahr am meisten sehnt: Normalität. Falls es so etwas an diesem Ort noch geben kann.

Kaiser sagt: "Wir lassen uns von den Terroristen, diesen Idioten, nicht sagen, wann und wo wir zu feiern haben. Wir feiern weiter."

Wenn man die Augen schließt, erinnert seine Stimme ein bisschen an die von Klaus Wowereit. Manchmal, wenn er einen Scherz macht – und er macht viele Scherze –, schießt sie kieksend nach oben, um dann, wenn er wieder ernst wird, ein paar Oktaven nach unten zu fallen.

Axel Kaiser ist 62 Jahre alt, ein Mann mit dunkelblondem Haar und einem weichen, glatt rasierten Gesicht, im Blick die Gewissheit, dass sein Charme ihn nur selten im Stich gelassen hat.

Sein Laden, eine überdachte Terrasse mit einer Holzbude, liegt im Schatten der Gedächtniskirche, im Herzen des Weihnachtsmarktes. Das alte und vor allem das schwule Westberlin trifft sich hier, darunter einige von Kaisers Freunden: der Friseur Udo Walz, die Kabarettistin Desiree Nick, Wolfgang Joop; früher, als sie noch lebten, auch Dirk Bach oder Guido Westerwelle.

Seit 23 Jahren steht Kaiser, der aus Osnabrück stammt, jedes Jahr auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Schon immer wurde viel berichtet über Kaiser, aber noch nie so viel wie nach dem Anschlag.

Die Journalisten stürzten sich auf die Opfer. Kaum jemand wollte sprechen. Aber Kaiser sprach. Er sprach in die Kameras von ARD, ZDF, RTL und Sat.1, sie filmten ihn weinend am Anschlagsort. Später saß er bei stern TV mit Wolfgang Bosbach, er war mit Angela Merkel in einem Fernsehstudio und fragte sie: "Wie können Sie uns schützen?" Merkel versprach ihm, mal auf einen Glühwein vorbeizukommen.

Axel Kaiser betreibt seinen Stand seit 23 Jahren. © Daniel Hofer für DIE ZEIT

Axel Kaiser schilderte den Deutschen den Anschlag. Er wurde zum Gesicht der Opfer.

Am Samstag vor der Eröffnung ruft er seine Aushilfen herbei: "Kinders, kommt mal bitte!" Teambesprechung.

Der goldene Glitzerstoff muss an die Decke. Spiegel müssen angeschraubt, die Lampenschirme mit dem Leopardenfell befestigt werden. Und dann in der Küche: Zapfanlage, Germknödelautomat, Sahnemaschine, der Dispenser für den Eierpunsch. Kaiser weist alle ein.

"Okay?", fragt er in die Runde. "Wunderbar!"

Dann knöpft er seinen Mantel zu, legt sich den rosafarbenen Schal um den Hals, er muss zum Baumarkt. Er läuft die schmale Gasse zwischen den Buden entlang, in denen die Schausteller die Grills für ihre Rostbratwürste schrubben. Er quert die Stelle, an der der Lkw, den Anis Amri durch den Weihnachtsmarkt steuerte, zum Halten kam.

In die grauen Steinplatten am Tatort wurde ein Riss gefräst und mit einer goldenen Legierung gefüllt, noch ist er von Hartgummimatten verdeckt. Das Mahnmal, das an die zwölf Toten und rund 70 Verletzten erinnern soll, wird erst am Jahrestag enthüllt.

Kaiser gefällt die Idee, dass sich eine goldene Narbe über den Platz zieht. Aber er muss jetzt weiter, einen Fünf-Liter-Eimer mit rosa Farbe kaufen und Goldspray. Morgen kommt ja schon wieder das Fernsehen.