Am Freitag erscheint ein neues Album der irischen Rockgruppe U2. Es trägt den Titel Songs of Experience und enthält 13 Lieder, in denen der U2-Sänger Bono in der ihm eigenen hymnischen Weise erstens die einfachen Freuden des Lebens und Liebens besingt sowie zweitens die Vorzüge persönlicher Bescheidenheit, wobei er drittens alle vom Pfad der Tugend Abgekommenen zur Rückkehr auf diesen auffordert, insbesondere die Bürger der USA, die Donald Trump zu ihrem Präsidenten gewählt haben und damit "der Freiheit ins Gesicht schlugen", wie es in dem Stück Get Out of Your Own Way heißt. Der Erscheinungstermin des Albums war mehrfach verschoben worden, weil die Band sich nach eigener Auskunft diesmal besondere Mühe mit ihren Kompositionen und einer Modernisierung des U2-typischen Stils geben wollte; außerdem, so hieß es im Frühjahr, brauche sie nach Donald Trumps Wahlsieg und dem großen moralischen Schock eine Besinnungspause.

Nun ist die Pause vorüber, der moralische Schock scheint verarbeitet, und die Modernisierung des U2-typischen Stils ist insoweit gelungen, als die neuen Lieder sich im Grunde so anhören, wie U2-Lieder sich immer anhören – bloß wirken sie hektischer und zusammenhangloser, weil die Band in jedem Song möglichst viele verschiedene rhythmische und melodische Muster, Stile und Stimmungen unterzubringen versucht. So will sie auf die im Spotify-Zeitalter stark geschrumpften Aufmerksamkeitsspannen des Publikums reagieren. Über diese neue musikalische Richtung und über den richtigen Umgang mit moralischen Schocks wollte die Band auch in Interviews ausgiebig Auskunft erteilen und lud die Presse darum nach London. Dann allerdings erfolgten die Enthüllungen der Paradise Papers, aus denen sich ergab, dass Bono, der sich so gern als Vorbild inszeniert, von den unter Multimillionären derzeit so beliebten Steuersparmöglichkeiten auf Inseln wie Malta und Guernsey Gebrauch gemacht hatte (ZEIT Nr. 47/17). Damit endete seine Auskunftsfreude abrupt: Insbesondere über den rechten Wandel auf Pfaden der Tugend wollte er nun offenbar nicht mehr reden. Die Interviews wurden kurz vor dem Termin wieder gestrichen, weswegen man sagen könnte, dass Bono nicht nur ein verlogener Heuchler ist, sondern überdies ein feiger verlogener Heuchler.

Wie soll man als Hörer auf diesen moralischen Totalbankrott reagieren? Man könnte einfach mal etwas anderes hören, es gibt genug interessante Musik in der Welt, die nicht von U2 kommt. Dennoch wollen viele Menschen auf diese Band nicht verzichten. Vielleicht könnte man für sie eine doppelmoralfreie Version des neuen Albums erstellen? Dazu müsste man nur – nach dem Modell Kevin Spacey – die Stimme von Bono aus den Songs schneiden. Auch die Qualität der Musik würde davon profitieren: Ohne das in seinen reiferen Jahren zusehends verwitternde Wimmern des windigen Sängers käme das immer noch hübsche glockenspielartige Obertonklingeln des Gitarristen The Edge fraglos besser zur Geltung. Bono wiederum könnte sämtliche Einnahmen aus diesen moralisch korrekten Ohne-Bono-Editionen dem Finanzamt seines Heimatlands übertragen und damit auch im echten Leben der Aufforderung folgen, die der Rapper Kendrick Lamar bei seinem Gastauftritt in dem schon erwähnten Song Get Out of Your Own Way formuliert: "Blessed are the filthy rich / For you can only truly own what you give away" – "selig sind die dreckigen Reichen, denn du kannst nur wahrhaft besitzen, was du verschenkst".