Der Chiemsee, oh ja, da nicken sie alle. Schön sei der! Vor allem in Prien. Diesem schicken Ort, den viele kennen, die in Bayern sonst nichts kennen außer München, um diesen Glitzi-glitzi-Ort soll es hier nicht gehen.

Der See nämlich ist groß, mit seinen 80 Quadratkilometern der drittgrößte Deutschlands. Da gibt es noch mehr. Beispielsweise das Idyll Chieming, an der Ostbucht gelegen. Hier sieht man keine Damen in Pelzmänteln, keine Herren in überteuerten Autos. Hier mischen sich Einheimische in schlammigen Gummistiefeln mit Campern in wetterfester Kleidung. Wasser, Berge, Felder. Bloß Ruhe! Dieses Pure packt einen, kriecht in jede Pore.

Schlängeln Sie sich, von Osten kommend, auf der Hauptstraße in den Ortskern. Freuen Sie sich darüber, wie sauber alles ist. Zigarettenkippen, die schnipst man hier nicht auf den Asphalt. Zur Linken, auf einer Anhöhe, nun die Kirche Mariä Himmelfahrt, hellgelb gestrichen und mit prunkvoll katholischem Innenleben.

Halten Sie inne, seien Sie einen Moment lang besinnlich in dieser turbulenten Zeit. Die ist auch in Chieming angekommen, und die Gemeinde stellt sich ihr: Das frühere Baugeschäft am Ortseingang wurde zur Flüchtlingsunterkunft umgebaut.

Erschrecken Sie nicht, wenn Ihnen auf der Straße jemand "Griaß Eahna!" oder "Servus!" entgegenruft. Der hat Sie nicht verwechselt. Hier grüßt man einander noch, und zwar jeder jeden. Erwidern Sie also den Gruß.

Am meisten spürt man die Herzlichkeit ein paar Meter weiter uferwärts: in der Chiemseebäckerei, wo sich die Chieminger treffen wie auf einem Marktplatz. Tatsächlich stand im Mittelalter etwa an diesem Fleck ein Ofen für die Gemeinde, in dem jeder sein eigenes Brot buk. Heute tut das die ortsbekannte Familie Stumhofer in fünfter Generation. Lassen Sie sich von der guten Laune der Damen hinter der Theke anstecken, und bestellen Sie "ein Haferl Kaffee". Ein Muss dazu: die Brezn mit Butter. Danach werden Sie sich nie wieder mit schlechtem Laugengebäck zufriedengeben.

In Chieming kennt man sich übrigens beim Vornamen. Um sicherzugehen, dass man über dieselbe Person spricht, braucht es oft die Berufsbezeichnung: der "Taxi-Hans", der "Eis-Andi" unten am See (das Eis im Sommer unbedingt probieren!), der "Shell-Max" von der Tankstelle. Ich bin die "Journalisten-Paulina". Und wie würden Sie heißen?

Nun endlich geht es an den See! Es ginge etwas weit, zu behaupten, dass er nach Chieming benannt ist. Der Legende nach gab ein Graf Chiemo beiden seinen Namen. Aber die Verwandtschaft spricht doch wohl für sich. Diesen See jedenfalls kann man nun nicht mehr verfehlen.

Als würde man aufs offene Meer zusteuern, blickt man ins Unendliche. Mal ist das Wasser still und schimmert türkis, mal wirft es sich auf wie der raue Atlantik. Schlendern Sie bis zum Ende des Stegs, und lassen Sie die saubere Luft in Ihre Lungen strömen. Und wenn es Sommer sein sollte: Springen Sie da unbedingt rein!

Falls Sie das Fernweh anfällt, mieten Sie ein Elektroboot bei der "Fischer-Irmi", und schippern Sie zur Fraueninsel. Fünfzig Häuser, keine Autos – hierher kommen Chieminger, wenn sie Ruhe brauchen. Im Laden der Abtei Frauenwörth gibt es Likör und Marzipan aus eigener Herstellung. Wer hungrig ist, sollte zum Inselhotel zur Linde. Schweinebraten, Nockerl, Fisch aus dem See.

Aus Chieming will man spätestens dann nicht mehr weg, wenn man den Sonnenuntergang erlebt hat. Karibisch! Es ist die Freude am Simplen, die einen hier packt. Das Verweilenkönnen, weil es ja kaum Ablenkung gibt. Nichts ist zu groß, nichts zu laut. Allerhöchstens das Organ der Einheimischen.

In diesem Sinne: "Pfüa Gott!"