Nie zuvor hatte Emily Joy darüber gesprochen: über die Anzüglichkeiten ihres Jugendleiters und die Übergriffe. Darüber, dass er sich Zugang zu ihrem Facebook-Profil verschaffte und wie sie ihre eigenen Eltern zwangen, sich am Telefon bei ihm zu entschuldigen, nachdem er versetzt wurde. Emily Joy hat all das jahrelang für sich behalten – bis sie am 21. November die ganze Geschichte und auch den Namen des Täters bei Twitter öffentlich machte. Aus diesem so kurzen wie mutigen Statement entwickelte sich in Anlehnung an die #MeToo-Debatte ein neuer Hashtag: #ChurchToo, was etwa "auch Kirche" oder "auch in der Kirche" bedeutet. Doch wozu braucht es eine eigene innerkirchliche Debatte? Muss über den Sexismus in den Kirchen und Gemeinden anders gesprochen und nachgedacht werden als in anderen Bereichen der Gesellschaft?

Seit Wochen berichten Menschen unter dem Stichwort #MeToo von sexuellen Belästigungen. Ausgehend von den Anschuldigungen gegen den Produzenten Harvey Weinstein, schwappte die Debatte aus Hollywood über auf den gesamten Kulturbetrieb und von dort aus in fast alle Bereiche des öffentlichen Lebens: Fälle aus dem Europaparlament wurden ebenso bekannt wie Alltagssituationen zwischen Hörsaal, Büro und Bar. Erstaunlich still blieb es nur um einen Bereich: die Kirchen – bis Emily Joy, eine amerikanische Autorin und Yogalehrerin, ihren Tweet absetzte. Zusammen mit einer anderen Autorin, Hannah Paasch, schuf sie den Hashtag #ChurchToo. Seitdem finden sich unzählige Kurzberichte unter diesem Stichwort, die meisten von Frauen, die von ihren Pastoren, Jugendleitern oder anderen Gemeindemitgliedern missbraucht oder sexuell belästigt wurden.

Unter #ChurchToo berichten Betroffene nicht nur von den Übergriffen selbst, sondern oft auch über das, was gemeinhin als "victim blaming" bekannt ist, also die an das eigentliche Opfer gerichtete Beschuldigung, sie oder er sei an den Übergriffen selbst schuld oder mitverantwortlich. Dabei ist auffällig, welchen Einfluss ein kirchlich-konservatives Frauenbild hat, das die Frau und den weiblichen Körper als irgendetwas zwischen Verführung oder Versuchung für Männer und Projektionsfläche extremer Reinheits- und Jungfräulichkeitsideale zeichnet. Viele Frauen berichten, wie ihnen der erfahrene Missbrauch nicht geglaubt wurde oder sie zu einer schnellen "Versöhnung" mit den Tätern gezwungen wurden. Zwar beziehen sich die Beiträge momentan hauptsächlich auf evangelikale Kirchen in den USA, die Probleme und dahinterliegenden Strukturen jedoch betreffen alle christlichen Kirchen.

Männer legen fest, wie Frauen zu sein haben, wie ihre Körper gelesen werden. Diese Bilder finden sich mehr oder minder in allen christlichen Strömungen: die Verführerische, die zur Sünde Verleitende, die "jungfräulich Reine", die Mutter, die Hausfrau, die Schwache – die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Gemeinsam ist allen Zuschreibungen, dass sie meist von männlichen Autoritäten – seien sie geweiht, ordiniert oder durch besondere Charismen "berufen" – an die Frauen herangetragen und erwartet werden. Fällt eine Frau aus dieser Rolle heraus, gilt sie schnell als Sünderin, ihr Lebenswandel wird, öffentlich oder hinter vorgehaltener Hand, als bedenklich abgetan oder ihr wird nahegelegt, sie solle doch über ihr falsches Verhalten nachdenken, beten oder sich mit bestehenden Ungerechtigkeiten einfach abfinden.

Dieses Frauenbild findet sich nicht nur in evangelischen Freikirchen in den USA, auch in Deutschland begegnet es Frauen in Gemeinden, kirchlichen Institutionen oder an theologischen Fakultäten immer wieder – man denke nur an die Erwartung, dass doch die Frauen nach einem Gemeindefest den Abwasch erledigen sollen, an die Nichtzulassung von Frauen zu bestimmten Weihe- und Leitungsämtern (nicht nur in der katholischen Kirche) oder an idealisierte Frauenbilder, die besonders in der Weihnachtszeit im Zusammenhang mit Maria aus der theologischen Mottenkiste geholt werden. Männer deuten Frauen, deren Körper und Lebensentwürfe nicht ihre eigenen sind und über die sie sich eigentlich keine Verfügungsgewalt anmaßen dürften. Dass sie es trotzdem tun, wird an den Tausenden Beiträgen im Netz offenbar: Mädchen und Frauen wird explizit oder durch subtilen Druck vorgeschrieben, welche Kleidung sie zu tragen oder nicht zu tragen haben, angeblich zu ihrem eigenen Schutz oder weil sie sonst schon vor der Pubertät Männer in die Bedrängnis bringen könnten, zu sündigen. Die Verantwortung, nicht nur für sich selbst, sondern vor allem für das Handeln von Männern, wird dabei auf die Seite der Frauen verlagert. Egal, was ihnen angetan wird, schuld sollen sie daran auch noch selbst sein.

Sprechen Frauen erlittene Übergriffe an, wird laut der Autorinnen erwartet, den Tätern von sich aus zu vergeben. Damit wird nicht nur die Aufarbeitung unterbunden, auch werden die Frauen für Taten in die Pflicht genommen, die sie selbst nicht begangen haben, sondern deren Opfer sie geworden sind. Zur Versöhnung – sofern sie denn überhaupt möglich und gewollt ist – gehört untrennbar auch ein Schuldeingeständnis der Täterperson und das Ziehen notwendiger Konsequenzen. Die Opfer mit ihrer Erfahrung alleinzulassen, ihnen womöglich sogar die Schuld dafür einzureden, passt nicht zu Institutionen, die als Menschenbild und Alleinstellungsmerkmal die Gottesebenbildlichkeit aller Menschen vor sich hertragen. Sie ist es, die angeblich ihr gesamtes gemeindliches und kirchliches Handeln prägt. Übergriffe aber wären damit unmöglich. Nicht erst durch #ChurchToo wurde in den vergangenen Tagen klar, dass diese Selbstverständlichkeit keine ist: Besonders in der katholischen Kirche kommen seit Jahren immer mehr Fälle von systematischem und institutionell gedecktem Missbrauch ans Licht, die in langen, mitunter für alle Beteiligten schmerzlichen Prozessen aufgearbeitet werden. Allerdings geschieht dies meistens auch nur, wenn die Opfer laut, organisiert und nachdrücklich genug ihre Stimmen erheben und Gerechtigkeit einfordern.

Das Grundproblem ist, was man "Theologien heiliger Macht" nennen könnte. Eine solche Heiligkeit zeichnet sich nicht durch besondere Menschlichkeit, Empathie und Hilfsbereitschaft aus, sie versteht sich als unfehlbar, unberührbar und deutungs(all)mächtig. Sie verfügt über ihre Gemeinde oder Kirche in ethischen und moralischen Fragen und erntet dafür schweigende Zustimmung. Sei es aus Gewohnheit, Sicherheitsbedürfnis oder auch aus Angst, mit dem Aufbegehren gegen geistliche Autoritäten das zu verlieren, was als wichtiger Anlaufpunkt, sicherer Ort und vielleicht auch als Zuhause gesehen wird: die Kirche oder die Gemeinde.