Vor Kurzem saß ich einem dieser superprofessionellen und sauteuren Co-Working-Spaces in Berlin-Mitte: einem perfekt renovierten Altbau, große Fenster zur Straße, Zimmerpflanzen, Holzboden, an den Wänden diese kleinen schwarzen Kacheln, wie sie gerade überall in den Cafés der deutschen Ballungsräume zu finden sind.

Ich war dort mit einer ebenfalls freiberuflich arbeitenden Journalistin zum Kaffee verabredet, eine Mischung aus Erfahrungsaustausch und geteilter Wut. Wut über willkürlich umgeschriebene Texte, gemeine Auftraggeber und, das vor allem, das fiese, wochenlange Ausbleiben von Überweisungen.

Die Bekannte klagte mir ihr Leid, ich klagte ihr meines, aber wir hätten unsere Anekdoten auch einfach tauschen können. Es lief immer auf dieselben Pointen hinaus.

Unser Gespräch war ein bisschen wie ein frühes Theaterstück von René Pollesch: emotionale Kapitalismuskritik mit wahllos verteilten Rollen in perfekt designtem Ambiente. Auf den mit dem Schriftzug des Co-Working-Spaces beschrifteten Tassen stand: Do what you love.

Genau das ist das Problem an den sogenannten Traumjobs, dachte ich im Hinausgehen. Wer beruflich tut, was er liebt, hat keinen Feierabend, kein Wochenende, keine freie Minute. Liebe kennt kein Ende, Liebe will dich ganz. Liebe ist, so gesehen, totalitär.

Ich war an diesem Tag, wie eigentlich das ganze Land, leicht erkältet, musste aber noch arbeiten. Vor dem heimischen Kühlschrank überlegte ich, was mir durch die Nacht und durch die Aufträge helfen würde. Ich erfand einen Drink namens "Der Freelancer": ein halber Liter Club Mate, diese etwas nach Wiese schmeckende, mit viel Zucker und noch mehr Koffein versetzte Tee-Limonade, darin aufgelöst zwei Päckchen Aspirin Complex mit ordentlich Ephedrin, dazu ein Schuss Zitrone.

Ich kippte die Mate, das Medikament und den Zitronensaft in ein großes Cocktailglas, das ich mit Anfang zwanzig einmal nach einem Barabend zufällig in meiner Jacke wiedergefunden hatte, sah zu, wie das Getränk furchtbar schäumte, und dachte mit leeren, langsamen Gedanken über die Arbeit, die Liebe und die Freiheit nach.

Ich dachte an Rudi Dutschke. "Alle sind unfrei unter dem Schein, frei zu sein", hatten die Subversiven 1968 in München und Berlin plakatiert. Jede Liebe und jede Freiheit hat ihre Grenzen, dachte ich. Und schüttete den schönen neuen Drink in den Ausguss.