© Sabine Israel für DIE ZEIT

Der VW-Abgasskandal hat Menschenleben gekostet. 500 Deutsche sind vorzeitig gestorben, weil Volkswagen bei den Abgaswerten geschummelt hat und die Dieselfahrzeuge der Firma mehr Schadstoffe ausstießen als erlaubt. Das jedenfalls steht in einer wissenschaftlichen Arbeit, die im März in der Zeitschrift Environmental Research Letters erschien. Diese Veröffentlichung steht nicht allein: In den USA hat Volkswagen 59 vorzeitige Todesfälle auf dem Gewissen, berichtete vor zwei Jahren dieselbe Zeitschrift. Sogar für Kalifornien hat ein Forscherteam die Zahlen berechnet: Dort starben zwölf Bewohner zwischen 2009 und 2015 zu früh, weil VW-Fahrzeuge die Luft verpesteten.

Wenn er solche Sätze liest, geht Peter Morfeld in die Luft. Der Epidemiologe, der für die Universitäten Köln und Bochum sowie den Evonik-Konzern gearbeitet hat, betrachtet derartige Zahlen als unseriös. Für Morfeld zielen die Berechnungen vor allem auf die Öffentlichkeit und die Politik. Mit Wissenschaft hätten sie nicht viel zu tun.

Dabei bezweifelt der Forscher nicht die Schädlichkeit der Abgase, er unterstellt den Forschern auch nicht, die gesundheitlichen Auswirkungen zu übertreiben. Nur sei es unmöglich zu belegen, dass 500 Menschen direkt an den Abgasen gestorben seien. Eine sinnvolle Zahl, die man aus den Untersuchungen ableiten könnte, wäre zum Beispiel "verlorene Lebenszeit". Der erwähnte Artikel aus den Environmental Research Letters schätzt diese Größe auf 5.600 Lebensjahre für Deutschland. Das wären im Durchschnitt etwa 37 Minuten für jeden von uns. Da klingen 500 vorzeitig Verstorbene, die in der Presse schnell zu 500 Todesopfern werden, doch erheblich dramatischer.

Peter Morfeld ist keine weltweit anerkannte Autorität in der Epidemiologie. Und die Mathematik, mit der die Auswirkungen insbesondere niedrigschwelliger Umweltbelastungen berechnet werden, ist kompliziert. Aber auch bei oberflächlicher Betrachtung stellen sich Fragen: Was soll das überhaupt heißen, "vorzeitige Todesfälle"? Um wie viel früher sind diese Leute gestorben? Handelt es sich um alte, schon schwer kranke Menschen oder junge, denen Jahrzehnte ihres Lebens gestohlen wurden?

Wenn Epidemiologen die Auswirkungen von Schadstoffen in der Luft berechnen wollen, dann machen sie ein Gedankenexperiment. Sie vergleichen zwei Populationen – die tatsächliche Bevölkerung, die den Emissionen ausgesetzt ist, und eine fiktive Kontrollpopulation, die ohne die Schadstoffe lebt. Wenn man diese beiden Gruppen über viele Jahre (in der Theorie) verfolgt und protokolliert, wann die einzelnen Mitglieder sterben, dann lässt sich eine Aussage darüber machen, wie viel Lebenszeit der mit Giftstoffen belasteten Gruppe entgangen ist, insgesamt und im Durchschnitt. Mit großer Wahrscheinlichkeit sind tatsächlich Menschen, die den VW-Abgasen ausgesetzt waren, früher gestorben, als wenn sie sauberere Luft geatmet hätten. Nur weiß niemand, wie viele das waren, sagt Morfeld.

Nachdem der Epidemiologe lange Zeit seinen Ärger heruntergeschluckt hatte, platzte ihm 2015 der Kragen. Da veröffentlichte Nature eine große Studie über die Auswirkungen der globalen Luftverschmutzung. Unter anderem kamen die Autoren zu dem Ergebnis, dass durch dreckige Luft jedes Jahr 3,3 Millionen Menschen vorzeitig sterben, vor allem in Asien. "Nature prägt die Standards in der Wissenschaft", sagt Morfeld. "Wenn eine Methode hier publiziert ist, dann können Sie davon ausgehen, dass die überall kopiert wird. Das war der Punkt, wo ich gesagt habe: Jetzt muss man etwas unternehmen."

Doch das erwies sich als gar nicht so einfach: Zwar mag es schwierig sein, in einem angesehenen Journal einen Artikel unterzubringen – viel schwieriger ist es, eine falsche Information wieder aus der Welt zu schaffen, die ihren Weg in eine solche Zeitschrift gefunden hat. Denn Forschung, die einmal veröffentlicht ist, trägt das Siegel wissenschaftlicher Akzeptanz. Gutachter haben den Autoren saubere Arbeit attestiert, und damit hängt an der Arbeit nicht nur der Ruf der einzelnen Forscher, sondern auch der des Journals.

Den ersten Leserbrief, den Morfeld an Nature schrieb, wollte die Redaktion nicht veröffentlichen. Morfeld möge einen solchen "technischen Aspekt" doch bitte zunächst mit den Autoren des Artikels klären, hieß es. Morfeld fand das Ansinnen zwar seltsam, doch er kontaktierte die Autoren, bearbeitete sie zwei Monate lang und einigte sich mit ihnen auf einen gemeinsamen Leserbrief – den Nature abermals ablehnte. Diesmal mit der Begründung, es handele sich um ein Detail, das "keine hinreichende Relevanz" habe.

Mehr Glück hatten Morfeld und sein Kölner Kollege Thomas Erren mit ihrem Widerspruch gegen eine Arbeit zu den Folgen der Luftverschmutzung in Europa, die 2015 im International Journal for Public Health erschien. Seine Kritik wurde als Leserbrief veröffentlicht, die Autoren zeigten sich in einer Replik allerdings starrsinnig.

Daraufhin suchten sich Morfeld und Erren einen hochrangigen Unterstützer: Sander Greenland von der University of California in Los Angeles, dessen Arbeiten seit den achtziger Jahren zur Pflichtlektüre der Epidemiologen gehören. Greenland schrieb: "Dr. Morfeld hat mathematisch recht." Die tatsächliche Zahl der vorzeitig Verstorbenen könnte erheblich größer oder kleiner sein als die berechneten Werte, im Extremfall könnte die Rate 100 Prozent betragen – eben wenn wir alle aufgrund einer Umweltbelastung ein wenig früher sterben würden. Nach dieser Bestätigung aus berufenem Munde gaben die Originalautoren ihren Fehler zu.

Auch John Ioannidis von der Stanford University, einer der Stars der Medizinstatistik (ZEIT Nr. 25/17), bestätigt, dass die vorzeitig Verstorbenen ein "sehr problematisches Maß" seien. Besser sei das sogenannte Maß der disability-adjusted life years. Dabei zählt man weder die angeblichen Toten noch die verlorenen Lebensjahre, sondern berücksichtigt, wie viele Jahre man mit einer Behinderung durch eine entsprechende Krankheit leben müsse, sagt Ioannidis. Aber solche Zahlen sind weniger griffig, als wenn man mit einer konkreten Anzahl von Toten operieren kann.