Kino Toni, Berlin-Weißensee, November 2017. Rappelvolles Haus. Es läuft Die Schlüssel, der erstaunlichste Film der DDR-Geschichte – Inszenierung, Happening und Dokumentation. Ein ungleiches Pärchen reist nach Polen, im Frühling 1972. Klaus studiert, Ric ist Arbeiterin. Klaus weiß, Ric fühlt. Klaus büffelt Polnisch, Ric hascht die Sprache aus der Luft. Klaus rügt Ric: Du bist faul, du machst nischt aus dir! Verheiratet sind die beiden nicht. Hotelprobleme drohen, doch in Warschau begegnet den Liebesleuten ein Ehepaar, das ihnen seine Krakówer Wohnung anvertraut. Unrealistisch? Ebendies geschah dem Regisseur Egon Günther und seiner Szenaristin Helga Schütz in Polen.

Die Schlüssel passen. Ric und Klaus beziehen Quartier. Sie erkunden die außerordentliche Stadt. Sie erleben den Rock-Titanen Czesław Niemen, den Schnitzaltar des Veit Stoß, die Juvenalien, Krakóws Studentenkarneval. Klaus bemerkt: Die Polen sind eben lockerer. Am Abend vor der Katastrophe sitzt Ric (Jutta Hoffmann) in einer abgestellten Straßenbahn und anhaltinert in die Dämmerung: Ich werde mein Leben lang Arbeiterin bleiben. Ich leide nicht, ich mache schon’s Beste draus. Aber ich will nicht scheel angeguckt werden von meinem Liebsten und von den anderen. Wir werden verschieden geboren. Es muss mich geben können, wie ich bin, wenig veränderbar. Und es wird mich auch immer geben ...

Nein, nur noch Stunden.

Vorerst naht ein alter Straßenbahner – echt und ungeplant. Es sei Nacht, die junge Frau müsse aussteigen, schlafen gehen. Ric fragt: Wieso können Sie so gut Deutsch? – Dreißig Jahre vor, in Krieg, sagt der Mann. Schnitt. In Wahrheit sprach der Alte weiter: In deitsche Gefangenschaft nie gehungert, in russische Gefangenschaft schrecklich. Das musste getilgt werden, wie die Prozession des antikommunistischen Kardinals Wyszyński, wie das Leichenschauhaus, in dem Klaus Ric identifizieren soll. Mit knapper Not passierten Die Schlüssel die Zensur. Erst zwei Jahre nach Fertigung lief der Film in wenigen Kinos der DDR. Für den Export wurde er gesperrt.

Im Kino Toni geht das Saallicht an. Ein fülliger Senior betritt die Bühne: Klaus alias Jaecki Schwarz, 45 Jahre später. Ich war immer Schauspielhandwerker, sagt Schwarz. Bei diesem Film habe ich mich als Künstler gefühlt. Egon Günther ließ mich sprechen, wie ich empfand.

Ein Welt-Film, sagt Jutta Hoffmann.

Der Regisseur Egon Günther, 1927 proletarisch in Schneeberg/Erzgebirge geboren, war der Defa-Avantgardist. Er verachtete den linearen Biedersinn des "sozialistischen Realismus" wie die Ufa-Sentimentalität. Sein Erstling von 1965 hieß Lots Weib. Der Marineoffizier Richard Lot (Günther Simon) betrügt seine Frau (Marita Böhme). Sie will sich scheiden lassen. Genosse Lot lehnt ab. Gleichsam aus Notwehr klaut Katrin Lot im Kaufhaus und lässt sich erwischen. Nun willigt Richard in die Scheidung ein, wegen Katrins "moralischer Labilität". Und wer bekommt die Kinder?

Schon Günthers Zweitwerk, das Wahrheitsmärchen Wenn du groß bist, lieber Adam, zählte zu den zehn Verbotsfilmen, die 1965 nach dem "Kahlschlags-Plenum" des ZK der SED als schädlich entlarvt und eingebunkert wurden. 1972 thematisierte Günther mit Der Dritte abermals den Kollektivstaat und das individuelle Glück. Die entlaufene Diakonissenschülerin Margit (Jutta Hoffmann) will nach zwei Männerpleiten endlich den Richtigen ergattern. Jutta Hoffmann wurde Egon Günthers Lieblingsinstrument – neugierig, schalkhaft, sozialfühlig, ästhetisch flugbegabt. Gern trat sie leicht neben ihre Rolle, ironisierte sie diskret, schlüpfte zurück. Sie war nicht – sie erzählte die Person.

Identisch wirkt sie im persönlichen Gespräch. Sie redet spitz und warm, sie lacht hellauf, sie diskutiert. Sie entsinnt sich kühner Projekte und kulturpolitischer Sabotage: Funktionärsdogmatik, Kleingeisterei, eng, vollkommen bekloppt! Sie schildert, wie Egon Günther – freigeistig, hochgebildet, sexy – schon habituell vom Defa-Durchschnitt abstach. Sie ruft gen Himmel: Egon, hörste uns?