Als Anlegerin bin ich super. Das dachte ich tatsächlich, bevor ich die ersten 30.000 Mark versenkte. Zum Glück nur in einem Börsenspiel, an dem ich mit einem Freund teilnahm. Wir nannten uns "die Checker" und kauften einen wilden Mix aus Aktien, handelten viel zu viel und stets zur falschen Zeit. Ein typischer Fehler – zum Glück habe ich die Erkenntnis nur mit Spielgeld bezahlt.

Doch auch echtes Geld blieb auf der Strecke. Ich verbrannte mehrere Monatseinkommen mit einem Auto, das dauernd kaputt war – anstatt es zu verschrotten. Und ich lieh einem Mann viel Geld, der es nie zurückzahlte – anstatt ihn zu ersetzen. In beiden Fällen sagte ich mir: Nun habe ich so hohe Anlaufkosten gehabt, da kann ich doch nicht aufgeben! Und tröstete mich damit, dass ich wenigstens versucht hatte, in unsere gemeinsame Zukunft zu investieren. So lernte ich, dass man verlorenem Geld nicht noch mehr hinterherwerfen sollte.

Auf den übertriebenen Optimismus folgte übertriebene Vorsicht. Ich dachte: "Bevor ich mit den falschen Aktien wieder viel verliere, setze ich lieber auf sichere Erträge. Dann eben auf kleinere." Das sagte ich damals auch einem Finanzberater, der mir prompt eine Rentenversicherung verkaufte. Auch meine Eltern hatten solche Policen, konnten sie also falsch sein? Diese war es. Natürlich wird sie irgendwann Geld abwerfen, aber weitaus weniger als versprochen. Einmal erzählte mir ein Kumpel, er habe 20.000 Euro mit einem Schiffsfonds verloren, da war ich froh: Auf so ein windiges Papier bin ich nie hereingefallen. Aber dass sich der Minderertrag meiner Police auf ähnliche Höhe belaufen wird, sagte ich mir in dem Moment lieber nicht.

Weit nach dem Vertragsabschluss wurde ich Finanzjournalistin. Es ärgerte mich gewaltig, dass ich blind der Versichertenherde und dem Berater hinterhergetrabt war. Der hatte nur von "sicheren Zinsen bis ins hohe Alter gesprochen". Von Dingen, die ich hören wollte. Dingen, die es aber schon ein paar Jahre später nicht mehr gab.

Als die Börsen nach dem Crash des Neuen Markts schon wieder himmelwärts stürmten, schwärmten meine Kollegen von irren 30 oder 40 Prozent Kurssteigerung in einem Jahr. Alle legten an, mit Fonds, mit Zertifikaten, mit Emerging-Markets-Papieren. Zeitschriften-Rankings belegten regelmäßig: Wer den Einstieg wagte, der gewann. Irgendwann kaufte ich auch. Einen Fonds aus der Siegerliste, ich wollte auch auf die Gewinnerseite. Eine Weile lang lief er gut, dann brach die Finanzkrise herein.

Was mich vor einem kapitalen Fehler bewahrte, war die Panik, die 2008 alle ergriff. Jeder schrieb so viel über die gigantischen Verluste der anderen, dass man aufs eigene Konto gar nicht mehr gucken mochte. Einmal rechnete ich aus, was ich über Jahre investiert hatte und wie viel davon als Depotwert übrig war. Ich fiel in Schockstarre und verkaufte: nichts. Zum Glück.

Im Grunde war es eine Mischung aus Ungläubigkeit (kann das wahr sein?), Unsicherheit (wohin sonst mit dem Geld?) und dem Prinzip Hoffnung: Märkte, die ständig abstürzen, erholen sich auch wieder. Irgendwann. Und ich war jung, ich konnte warten. Außerdem lohnt es sich, so sagen Ökonomen, gerade dann zu investieren, wenn es kein anderer tut, denn man bekommt viele Papiere günstig. Also spare ich seither stoisch weiter. Mir gefällt die Aussage, die beste Börsenstrategie sei, breit auf den Markt zu setzen und die Zeit für sich arbeiten zu lassen. Gut, meine erste Million lässt noch auf sich warten. Aber man muss nur die Nerven behalten. Darin bin ich super.