"Mit dem heutigen Abend endet die Zusammenarbeit mit der CDU/CSU." Martin Schulz am Wahlabend.

"Ab heute kriegen sie in die Fresse." Andrea Nahles am 28. September.

"Wir haben die Entscheidung, in die Opposition zu gehen, im vollen Bewusstsein der Konsequenzen getragen." Martin Schulz am 28. Oktober.

"Wir stehen für den Eintritt in eine große Koalition nicht zur Verfügung – diese Konstellation wurde abgewählt." Martin Schulz vor acht Tagen.

Wer etwas tun wolle gegen Kinderarmut, gegen Jugendarbeitslosigkeit, wer Europa stärken wolle, "der muss die Chance ergreifen, wenn sie sich bietet". Martin Schulz am vergangenen Wochenende.

Was man so sagt, wenn man in aller Öffentlichkeit seine eigenen Worte fressen muss.

Vorwärts, Genossen, es geht zurück!, lautet mal wieder die Parole. In der SPD hat die Operation Schubumkehr begonnen. Eine große Koalition ist schlecht für die Demokratie, die SPD aber bringt sie um, das war das – gute – Argument, mit dem die Sozialdemokraten sich einer weiteren Zusammenarbeit mit Angela Merkel verweigert hatten, solange es mit Jamaika scheinbar eine andere Mehrheit gab. Nun soll, wenn es nach den führenden Genossen geht, aus dem strikten Nein über ein Vielleicht ein Ja zu einer erneuten großen Koalition werden. Mit rund 53 Prozent wäre sie allerdings weit entfernt von der satten Zweidrittelmehrheit, die einst den Begriff große Koalition prägte. Es wäre ein Bündnis der (Wahl-)Verlierer.

Alle Argumente, die vor der Wahl gegen eine Fortsetzung der großen Koalition sprachen, bestehen fort. Dass die Politikersätze nicht mehr gelten, liegt daran, dass nach dem Scheitern von Jamaika die große Koalition über Nacht alternativlos geworden zu sein scheint. Das Bündnis soll kurzfristig Stabilität garantieren und könnte doch auf längere Sicht zu einer politischen Destabilisierung führen, weil es die Ränder stärkt und die Volksparteien schrumpfen lässt. Doch für Angela Merkel und Martin Schulz, die beiden Vorsitzenden dieser Volksparteien, wäre die große Koalition zugleich die letzte Chance.

Es steht also viel auf dem Spiel, wenn ab diesem Donnerstag CDU, CSU und SPD wieder miteinander sprechen: Stabilität und internationale Handlungsfähigkeit Deutschlands, aber auch die Zukunft der SPD. Denn für die gebeutelten Sozialdemokraten kommt es nicht nur darauf an, dass sie sich aus der Verlegenheit der letzten Wochen befreien, sondern auch aus der strategischen Verlegenheit der letzten Jahre.

Aus dem historischen Tief von 20,5 Prozent waren die Genossen nach der Wahl in Oppositions-Euphorie geflüchtet: endlich weg von Merkel, von der Union, von einer Groko, die sich als Genossenschredder erwiesen hatte. So sehr berauschten sich die Genossen am Nein zur Neuauflage von Schwarz-Rot, dass der tief liegende Schmerz, den das Wahldebakel auslöste, zunächst betäubt war.

Jetzt ist er da.

Beim Juso-Kongress in Saarbrücken am vergangenen Sonntag machte Andrea Nahles deutlich, was am meisten wehtut. Populäre Themen finden, Wahlversprechen umsetzen, die Regierungsarbeit prägen und am Ende den Lohn der Wähler einstreichen – in diesem Glauben sei sie 2013 in die große Koalition eingetreten. "Das hat aber nicht funktioniert", rief Nahles den Jusos entgegen. Und warum nicht? "Wir sind zu langweilig, wir zeigen zu wenig klare Kante, an uns scheiden sich nicht mehr die Geister."

Wie Schulz warb auch Nahles dafür, zumindest Gespräche mit der Union aufzunehmen. Nun schwankt die SPD zwischen ihrem Selbstverständnis als Programmpartei und ihrer Identität als Staatspartei, die immer, wenn’s drauf ankam, da war für Deutschland. Denn bei keiner Partei fällt die vermaledeite staatspolitische Verantwortung auf so fruchtbaren Boden wie bei den Sozis. Dass im Gegensatz dazu immer mehr Menschen diese stolze SPD als eine Ansammlung farbloser Schlaffis wahrnehmen und ihre inhaltliche Arbeit nicht belohnen, ist eine schmerzvolle Einsicht für viele Genossen. Tiefe Zerknirschung ist daher der eine Pol der aktuellen SPD-Befindlichkeit, der depressive. Auf der anderen Seite macht sich Größenwahn bemerkbar.

Kaum ist der Schalter vom kategorischen Nein zur Groko zum "Vielleicht doch irgendwie" umgelegt, überschlagen sich die Genossen mit Forderungen in Richtung Union: Bürgerversicherung, Anhebung des Rentenniveaus, die Reichen stärker besteuern, eine europäische Sozialunion einführen, manche träumen gar davon, man könne Merkels Kopf fordern. Längst macht sich die Erzählung breit, Merkel schlucke alles, damit sie Kanzlerin bleiben könne. Am historischen Tiefpunkt der SPD fühlen sich manche Genossen stark wie nie.