Rauschhafter ist selten ein Misserfolg inszeniert worden. Alle Jamaika-Hoffnungen haben sich zerschlagen, die Grünen bleiben in der Opposition – aber sie feiern sich auf ihrem Parteitag am vergangenen Wochenende mit allem, was ihnen an Pathos, Kitsch und Euphorie zu Gebote steht. Reicht die Realität nicht mehr an die Gefühlswelt der Grünen heran? Oder ist der Frust über das Scheitern so groß, dass er sich nur im paradoxen Überschwang ertragen lässt? Vielleicht. Aber entscheidender für die gute Stimmung ist der Erfolg, den die Grünen in den zurückliegenden Wochen erzielt haben – auch wenn es am Ende zum Regieren nicht reichte.

Der Partei ist es gelungen, die Sondierungen mit Union und FDP zum prominenten Forum ihrer ökologischen Forderungen zu machen. Selbstverständlich wie nie zuvor standen klimaverträgliche Energie, Mobilität und Landwirtschaft im Zentrum von Koalitionsverhandlungen, ebenso wichtig wie Finanzen, Europa oder Soziales. Und nicht nur das. Die prospektiven Partner, vor allem CDU und CSU, waren bereit, ökologische Zugeständnisse zu machen, die sich auch nach dem Ende der Verhandlungen nicht einfach wieder verdrängen lassen. Man weiß jetzt beispielsweise, wie viele Braunkohlekraftwerke CDU und CSU im Interesse der Umwelt für verzichtbar halten. Wenn eine kommende Bundesregierung die Frage beantworten muss, wie Deutschland seine Klimaschutzziele erreichen kann, liegen die von den Grünen erzwungenen Kompromisslinien schon auf dem Tisch.

Was sich im Wahljahr bereits andeutete, hat sich auch in den Sondierungen bestätigt. Die Grünen machen die Ökologie wieder zum Kern ihrer Programmatik. Und sie dementieren zugleich den Common Sense der Politikbeobachter, als Partei der Ökologie hätten sich die Grünen überlebt, weil inzwischen auch alle anderen Parteien die Ökologie im Angebot führten. Doch im Ringen um Kohleausstieg, emissionsfreie Mobilität oder Entgiftung der Landwirtschaft wurde deutlich, dass die ökologischen Forderungen nur dann ihre Chance bekommen, wenn sie von Grünen gegen den Widerstand der anderen Parteien durchgesetzt werden.

Die Grünen haben gezeigt, dass sie in der Lage sind, zwischen ihren radikalen Vorstellungen und den politischen Realitäten gangbare Wege zu finden. In den Verhandlungen ließen sie sich von der Vorstellung leiten, dass Abstriche an ihren originären Positionen am Ende wohl zu ökologischeren Verhältnissen beitragen würden als die reine Lehre, für deren Durchsetzung sich keine Partner finden.

Jedenfalls bei den umweltpolitischen Fragen ist diese Linie in den Verhandlungen aufgegangen. Bei den anderen Themen, die den Grünen am Herzen liegen, lässt sich das nicht ohne Weiteres behaupten. Christian Lindners spektakulärer Abbruch der Gespräche verdeckt inzwischen, dass die Grünen in der Flüchtlingspolitik bis zum Schluss weit weniger erreicht hatten als bei ihrem Kampf für Bienen, Schmetterlinge und Vögel. Auch daran wäre Jamaika vielleicht gescheitert. Oder die grünen Verhandler hätten den Delegierten ein Sondierungsergebnis vorlegen müssen, auf dessen Grundlage der Parteitag weit weniger rauschend verlaufen wäre.

So aber setzt sich auch nach dem Ende der Gespräche die Geschlossenheit fort, in der sie geführt wurden – sie reicht von Winfried Kretschmann bis Jürgen Trittin. Offenbar hatten es die Grünen diesmal, anders als 2013, wirklich auf eine erfolgreiche Regierungsbildung angelegt. Das zeigte sich weniger an vorschnellen Konzessionen als am gemeinsamen Auftreten, das die Konflikte und Animositäten vergessen ließ, die das Bild der Partei in der Vergangenheit geprägt haben. Nie zuvor erschienen die Grünen so geeint wie während der Gespräche. Und nach deren Scheitern.

Das ist umso bemerkenswerter, als eine Koalition mit Union und FDP in der Ökopartei seit je umstritten ist. Das liegt an den tief sitzenden Aversionen gegen die Liberalen, aber auch an dem unerwünschten Anschein, bei Jamaika machten sich die Grünen zum bloßen Mehrheitsbeschaffer für Schwarz-Gelb. Doch von solchen Einwänden ließen sie sich diesmal weder abhalten noch auseinanderdividieren. Bislang war "grüne Eigenständigkeit" – also die Bereitschaft für Koalitionen nach links wie rechts – nur eine Behauptung. Nach den Sondierungen 2017 scheint klar, dass sich die Ökopartei auch auf Bundesebene ein Bündnis mit der Union, vielleicht sogar mit den Liberalen, zutrauen würde.

Noch vor vier Jahren scheuten die Grünen den Eintritt in eine schwarz-grüne Koalition, die damals wohl möglich gewesen wäre. Nun haben sie für eine noch schwierigere Konstellation gekämpft, die am Ende scheiterte. Das macht die verpasste Chance von damals noch etwas bitterer.

Zum vierten Mal in Folge landen die Grünen in der Opposition. Nur diesmal unter deutlich erschwerten Bedingungen. In der letzten Legislaturperiode waren die Grünen neben der Linken die kleinere von zwei Oppositionsparteien. Jetzt, nach dem Einzug der AfD und der Rückkehr der Liberalen, sind sie die kleinste von vier. In der absehbaren Konkurrenz um den Rang der lautesten, populistischsten, radikalsten Partei könnten die Grünen schlichtweg untergehen.

Oder sie können, hartnäckig und kompetent wie zuletzt, Opposition auf ihre Art definieren. Wenn es stimmt, dass die ökologischen Forderungen – parallel zu den ökologischen Krisen – nicht nur an Relevanz, sondern zudem an Akzeptanz gewinnen, werden sich die Grünen auch in der Opposition behaupten. Nur Euphorie wäre vielleicht übertrieben.