DIE ZEIT: Herr Reichart, gibt es so etwas wie einen magischen Moment bei einer Herztransplantation?

Bruno Reichart: Ja, den gibt es. Sie müssen sich vorstellen: Auf dem OP-Tisch liegt der Patient, wir haben sein krankes Herz entfernt, es muss jetzt schnell gehen. Wir nähen das gesunde neue Herz ein, verbinden es mit den Gefäßen, machen alles, was nötig ist. Und dann, wenn dieses neue Herz anfängt zu schlagen, das ist jedes Mal wieder ein großer Augenblick. Diese Herzschläge bedeuten: Leben, Leben, Leben!

ZEIT: Sie haben Hunderte von Herzen transplantiert. Haben Sie einen Überblick, wie es Ihren Patienten ergangen ist?

Reichart: Mehr als 70 Prozent von ihnen schaffen die ersten fünf Jahre. Viele von ihnen leben heute noch, mein allererster Patient lebte mehr als 20 Jahre mit dem neuen Herzen. Und dann starb er nicht am Herzen, er hat sich umgebracht. Er war depressiv. Auf gewisse Weise war er ein Opfer der damaligen Umstände: Seinerzeit durfte ein Herztransplantierter nicht mehr arbeiten, er war sozusagen lebenslang krankgeschrieben. Darunter hat der Mann sehr gelitten. Es konnte sich keiner vorstellen, dass ein Mensch nach solch einer Operation wieder arbeitsfähig ist. Heute ist das klar: Menschen mit einem neuen Herzen sind oft schon nach wenigen Wochen wieder fit. Sie müssen Medikamente nehmen, ja, aber sie führen ein völlig normales Leben. Wenn wir unsere Treffen mit meinen alten Patienten veranstalten, herrscht immer eine fröhliche, ausgelassene Stimmung.

ZEIT: Es gab lange Jahre einen berühmten Taxifahrer im Klinikum Großhadern ...

Reichart: ... den Herrn Heller, ja. Ein wichtiger Mann, denn er war selbst herztransplantiert. Er holte immer die Leute ab, die auf ein neues Herz warteten. Schauen Sie mich an: So gut wird es Ihnen auch bald wieder gehen – das war seine Botschaft. Es ist ein großer Irrtum, zu glauben, Ärzte seien besonders gute Gesprächspartner für kranke Menschen. Mitpatienten oder ehemalige Patienten sind viel besser, sie wissen nämlich, was es bedeutet, krank zu sein.

ZEIT: Hat ein Chirurg Angst vor den großen Operationen?

Reichart: Er sollte Angst haben. Angst oder vielleicht auch Respekt ist etwas Gutes, weil es ihn daran erinnert, dass immer etwas schiefgehen kann. Und man sollte vor einer Operation im Kopf immer alle Möglichkeiten durchgehen. Dann ist man während der Operation ruhig.

ZEIT: Am frühen Morgen des 3. Dezember 1967 transplantierte Christiaan Barnard in Kapstadt dem Patienten Louis Washkansky das Herz einer jungen Frau: die erste Herztransplantation von Mensch zu Mensch überhaupt. Auf Barnards Vorschlag wurden Sie später, im Jahr 1984, sein Nachfolger in Kapstadt. Was war Barnard für ein Mensch?

Reichart: Barnard hat einmal über sich selbst gesagt: "Ich bin launisch, selbstsüchtig und ein irritierender Perfektionist, ich bin rechthaberisch, Bescheidenheit ist nicht meine Stärke, aber abgesehen von diesen Eigenschaften bin ich ein richtig netter Mensch." Und man muss sagen: Diese Beschreibung trifft ihn ganz gut. Barnard war ein Mann, der wenige moralische Grenzen kannte.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Reichart: Ich bezog damals sein altes Büro, und ich fand in seinem Schreibtisch einige beschriftete Dia-Hüllen, die Dias waren nicht dabei. Auf einer Hülle stand: "Hund mit zwei Köpfen". Ich fürchte, auch das hat er gemacht. Ohne jeden medizinischen Sinn, einfach nur, weil er es mal probieren wollte.

ZEIT: Würden Sie trotzdem sagen, er war ein großer Arzt?

Reichart: Das war er nur in bestimmten Grenzen. Er war sicher ein Chirurg mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, er hat in Kapstadt unter den höchst widrigen Bedingungen des Apartheid-Systems ein medizinisches Spitzenteam zusammengestellt. Und er hatte die Skrupellosigkeit und den Mut, der Erste zu sein, der die Herztransplantation wagte, obwohl Kollegen wie etwa Norman Shumway viel weiter waren. Das rechne ich ihm an, aber danach hat er nicht viel mehr getan, als seinen Ruhm auszuleben. Er ließ sich von der High Society feiern, machte Werbung für die seltsamsten Therapien, nur um Geld zu verdienen. Er hätte mit seinem Ruhm so viel Nützliches in der Medizin bewirken können. Nichts hat er daraus gemacht.

ZEIT: Ihre knapp fünf Jahre in Südafrika waren ebenfalls begleitet vom menschenverachtenden Apartheid-System. Wie hat sich das auf Ihre tägliche Arbeit ausgewirkt?

Reichart: Schauen Sie, als ich anfing, durften schwarze Krankenschwestern keine weißen Patienten pflegen. Durften weiße Patienten nicht in einem Zimmer mit schwarzen Patienten liegen. Das habe ich alles beendet, diesen ganzen Unsinn. Ich musste allen Ernstes die Fragen beantworten, wie sich "weiße" und "schwarze" Herzen unterscheiden, welche Farbe sie haben. Natürlich sind unter der Haut die Farben der Organe alle gleich, das Herz ist immer und bei jedem eine rötlich-braune Muskelpumpe.

ZEIT: Konnten Sie in Ihrer Klinik walten, wie Sie wollten, ohne dass das Regime etwas unternahm?

Reichart: Die Frage ist sehr berechtigt, aber ich habe sie mir damals nicht gestellt, weil ich sehr naiv war. Ich wollte ein Krankenhaus optimal führen, alles andere war mir egal. Als ich Kapstadt am Ende verließ, hatte ich ein Abschiedsgespräch mit dem Gesundheitsminister. Sicher ein Hardliner, aber mich mochte er. Er zeigte mir eine Truhe voller böser Briefe und Beschwerden gegen mich – er hatte sie all die Zeit ignoriert. Er wollte die Erfolgsgeschichte der Klinik. Er hat mich beschützt, das ist die Antwort auf Ihre Frage.