Die junge Frau mit dem Kopftuch, die vor der Prüfungskommission sitzt, sieht müde aus. Müde und verwirrt.

Sie versteht nicht ganz, was man von ihr will. Noch ist ihr Deutsch zu dürftig, als dass sie sich ernsthaft mit einer Fabel von Äsop herumschlagen könnte. "Der Fuchs und die Trauben" heißt der Text, der vor ihr auf dem Pult liegt und den sie ihren vier Zuhörern nur mit Mühe vorlesen kann. "Der Fox" sagt sie immer, und irgendetwas mit einer Lehre am Fabel-Ende hat sie auch schon gehört in diesem Jahr.

Anstrengend war das. Mit vierundzwanzig plötzlich wieder auf der Schulbank zu sitzen: Deutsch, Mathematik, Englisch, Computerunterricht ... Zu Hause das Kind. Sieben Jahre mittlerweile. Kränklich, schon immer. Die Schwierigkeiten in der 1. Klasse ließen nicht lang auf sich warten. Dann noch der Schimmel in der Wohnung, aus der sie rausmussten. Der Umzug von einem Teil Leipzigs in den anderen. Alles allein. Keine Großeltern. Der Vater des Jungen weg. Nach einem gemeinsamen Jahr hier in Deutschland: weg. Zu gut gefiel ihm die neue Heimat, die neue Freiheit.

Jetzt sitzt sie hier. In einer Prüfung: Deutsch. Sie wird über ihr Wohl und Wehe entscheiden, über ihren Hauptschulabschluss. Sie hat genau eine Chance. Diese. Eine weitere wird es nicht geben.

Die junge Frau müht sich. Vieles versteht sie, wenn man es ihr lange und geduldig erklärt. Die Aufgabenstellung noch einmal paraphrasiert. Oder besser: entparaphrasiert. Nur dafür ist eine Prüfung mit vier ziemlich streng und ernst blickenden Menschen, die sie nicht kennt und deren Beine hinter einem langen Tischtuch verborgen sind, nicht der richtige Ort.

Sie weiß, sie redet jetzt diffus. Muss sich zusammennehmen. Ihre Hände beginnen zu zittern.

Endlich ist die Unendlichkeit einer halben Prüfungsstunde vorüber. Sie wird für einige Minuten hinausgeschickt. Das Ergebnis muss diskutiert werden. Sie kennt dieses Zeremoniell noch nicht.

Draußen wartet ihre Deutschlehrerin – eine attraktive blonde Frau, Anfang fünfzig vielleicht. Sie wartet mit echter Anteilnahme. Das ist ihr anzusehen.

Bei jedem ihrer Schützlinge.

Sie sei immer wieder aufgeregt, sagt sie, obwohl sie mittlerweile seit vielen Jahren – nachdem sie nach der Wende als Deutsch- und Staatsbürgerkundelehrerin aus dem Schulsystem ausgeschieden war – bei einem privaten Bildungsträger junge Menschen bis Mitte dreißig betreut, die ihren Hauptschulabschluss schaffen wollen. Gereifte, oft jedoch strauchelnde Menschen, die es noch einmal versuchen wollen. Allesamt bereits Kinder des Kommerzes, obwohl die meisten von ihnen kaum je wirklich daran teilzunehmen vermochten. Alle mit nicht ganz leichtem Lebens-Gepäck unterwegs.

Eine solche Aufgabe frisst Energie. Kein Zweifel. Und man muss aushalten können.

Hier aber auf dem nach Bohnerwachs und Angstschweiß riechenden Gang sitzt eine Lehrerin, der Aushalten allein nicht genügt: Sie begleitet ihre Schüler – im wahrsten Sinne des Wortes. Fährt mit den drogenabhängigen unter ihnen in die Klinik zum Entzug. Ruft vor Prüfungen um sechs Uhr morgens an, damit sie rechtzeitig aufwachen. Schwachwerdende und plötzlich Zweifelnde werden mit dem Auto von zu Hause abgeholt, um doch noch die Chance wahrzunehmen, diese Prüfung zu bestehen. Sie stellt Nachteilsausgleich-Gesuche für die schweren Legastheniker in der Lerngruppe. Sucht nach Fallstricken in der bürokratisch überwucherten Prüfungslandschaft, auf dass niemand unnötig darüber stürze. Umarmt ihre Schüler, wenn sie mit einem "Bestanden" aus der Prüfung kommen. So wie sie es einige Minuten später mit der jungen Mutter tun wird, die endlich unter Tränen der Erleichterung mit einer Vier sowie einer Rose in der Hand das Prüfungszimmer verlässt.

Sich so zu arrangieren mit den Verhältnissen, nah an der Gegenwart und am Menschen zu sein, statt in Selbstgerechtigkeit zu ertrinken und ständig "Seht ihr? So ist er nun – euer feiner Kapitalismus!" zu rufen, obwohl man sich in jungen Jahren dazu verstiegen hatte, Schülern "den Hass" auf selbigen zu lehren, kommt vielleicht keiner Heldentat gleich, aber es hätte keiner Fabel bedurft, wenn es sich hierbei um eine Selbstverständlichkeit handelte:

Sich nicht wie der Fuchs verächtlich zu zeigen über die Trauben, die es nicht (mehr) zu erreichen galt.

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