Eine Frage bitte: Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass der Deutsche Aktienindex Dax im kommenden Jahr um die Hälfte fällt? Für höchst unwahrscheinlich, nicht wahr?

Jetzt eine andere Frage: Wie wahrscheinlich ist es, dass die Lage in Korea eskaliert, ein Krieg den Welthandel teilweise zum Erliegen bringt – und sich dann der Dax halbiert?

Wer so ist wie die meisten Menschen, der denkt bei der zweiten Frage an die kriegstreiberischen Sprüche von Donald Trump und Kim Jong Un, eine Kaskade von Ereignissen läuft wie im Film in seinem Kopf ab. Und auf einmal wirkt die Sache mit dem Dax viel wahrscheinlicher. Das Problem ist nur: SIE IST ES NICHT! Und um das zu verstehen, lohnt es sich zurückzuschauen. Auf Linda.

Alles begann nämlich mit Linda, 31, alleinstehend, aufgeschlossen und intelligent. So stellten Daniel Kahneman und Amos Tversky, zwei herausragende israelische Psychologen, den Teilnehmern ihrer Experimente die Frau vor, die "Philosophie studiert hat, sich als Studentin mit Diskriminierung und sozialer Gerechtigkeit auseinandersetzte und auch an Anti-Atomkraft-Demos teilnahm".

Die Frage lautete nun: Was macht Linda mit ihren 31 Jahren? Kahneman und Tversky nannten einen Strauß verschiedener Möglichkeiten, die alle Teilnehmer der Wahrscheinlichkeit nach ordnen sollten. Die meisten Möglichkeiten waren nur zur Ablenkung da. Zentral waren diese zwei Antworten:

Erstens: Linda ist Kassiererin in einer Bank.

Zweitens: Linda ist Kassiererin in einer Bank und in der Frauenbewegung aktiv.

Die allermeisten Befragten halten die zweite Antwort für wahrscheinlicher. Doch so plausibel sie erscheinen mag, beschreibt sie lediglich einen Spezialfall der ersten Antwort, bei dem noch eine Möglichkeit hinzukommt, nämlich sich für Frauenrechte einzusetzen, die eine weitere Unsicherheit hinzufügt und damit die Gesamtwahrscheinlichkeit weiter verringert.

Es ist fast vierzig Jahre her, dass die beiden Psychologen Linda erfanden. Tversky starb früh, Kahneman erhielt später den Nobelpreis für Wirtschaft. Heute ist klar: Die beiden hätten sich die Verschleierung mit den anderen Antworten sparen können, und viele Leute hätten immer noch auf die zweite Möglichkeit getippt. Wahrscheinlich ist für Menschen vor allem das, was sie sich gut vorstellen können und was zur Situation passt.

Man kann das testen, wenn man eben eine Gruppe von Bekannten fragt, für wie wahrscheinlich sie es halten, dass der Dax 2018 die Hälfte seines Werts einbüßt. Und einer anderen Gruppe das Szenario mit Korea vorhält. Die Wahrscheinlichkeitsschätzung fällt jetzt ungleich höher aus, obwohl der Dax sich noch aus ganz anderen Gründen halbieren könnte. Wegen eines Angriffs der Saudis auf den Iran, der den Ölpreis explodieren lässt, zum Beispiel. Oder weil die Übertreibungen an den Finanzmärkten eine neue Krise hervorrufen, gegen die Zentralbanker, deren Zinsen schon am Boden sind, wenig ausrichten können. Und übrigens: Je mehr solcher Möglichkeiten uns vor Augen sind, desto mehr verliert das gegensätzliche, viel realistischere Szenario an Bedeutung: dass der Dax eben NICHT um 50 Prozent sinkt.