Ein Leipziger Jura-Professor twittert, dass er von einem "weißen Europa" träume – und löst damit einen Sturm der Entrüstung aus. Sein Fall wirft die Frage auf, was ein Professor eigentlich darf. Aber auch, wie weit Gegenprotest gehen sollte

Thomas Rauscher ist ein hagerer Herr von 62 Jahren, und man sieht ihm wahrlich nicht auf den ersten Blick an, dass er in der Lage sein könnte, eine ganze Hochschule gegen sich aufzubringen. Ach was: gefühlt eine ganze Stadt.

Aber das ist ihm gelungen. Rauscher, Jura-Professor, in Bayern geboren, lehrt seit einem Vierteljahrhundert an der Leipziger Uni. Seit etwa einem Jahr wird verstärkt über ihn diskutiert – und seit zwei Wochen hören die Proteste gegen ihn nicht mehr auf. Denn Rauscher, davon sind viele Studenten und Lehrende der Uni Leipzig überzeugt – Rauscher ist jetzt endgültig zu weit gegangen. Viel zu weit.

Kurz nacheinander hat der Professor Mitte November zwei Tweets abgesetzt. Der eine: "Wir schulden den Afrikanern und Arabern nichts. Sie haben ihre Kontinente durch Korruption, Schlendrian, ungehemmte Vermehrung und Stammes- und Religionskriege zerstört und nehmen uns nun weg, was wir mit Fleiß aufgebaut haben."

Danach postete er einen Artikel der Süddeutschen Zeitung, der rechtsextreme Demonstrationen am polnischen Unabhängigkeitstag thematisiert, und kommentierte: "Polen: 'Ein weißes Europa brüderlicher Nationen. Für mich ist das ein wunderbares Ziel!"

Thomas Rauscher, 62, lehrt Jura. Und ist offenbar wütend. © Michael Freitag

Ein weißes Europa?

18.000 Unterschriften

Die Frage, die an Leipzigs Uni seither immer vehementer diskutiert wird, lautet: Wie "rechts" darf eine Lehrkraft an einer Hochschule sich äußern? Wissenschaftspolitiker distanzieren sich schon öffentlich von Rauscher, Kollegen fordern Sanktionen, Studenten seine Entlassung. Es gab eine Demo mit Hunderten Teilnehmern. "Rauscher rausch ab!" stand auf einem großen Plakat. Rauscher sei ein Rassist, erklärten Studentenvertreter. Eine linke Studentengruppe störte eine Vorlesung des Professors, um persönlich vor ihm zu protestieren. Inzwischen gibt es auch eine Online-Petition, die fordert: Der Professor müsse entlassen werden. 18.000 Unterschriften sind zusammengekommen. "Weil der Staat, auch wir als Gesellschaft, keine Menschen mit faschistischer Ideologie subventionieren dürfen", so eine der Begründungen. Der Druck auf Rauscher ist gewaltig.

Der Fall ist auch deshalb delikat, weil Rauscher einer von vielen ist: Immer wieder äußerten sich in den vergangenen Jahren Professoren mit teils grenzwertigen Tweets und Kommentaren, immer lösten sie unter Studenten damit heftige Gegenwehr aus. Klar ist: Sich AfD-nah zu äußern, kritisch gegenüber Zuwanderung oder der Asylpolitik, darf niemandem zum Verhängnis werden.

Aber geht Rauscher nicht weit darüber hinaus?

Seine Geschichte zeigt, wie kompliziert der Umgang mit einem missliebigen Professor sein kann. Wie schwer lösbar Konflikte mit einem beamteten Lehrstuhlinhaber werden können. "Der Fall ist schwierig, weil sich hier ganz fundamentale Rechte gegenüberstehen", sagt Birgit Dräger, die Kanzlerin der Leipziger Uni – also die Leiterin der Uni-Verwaltung. Es stehe "die Meinungsfreiheit, insbesondere die Freiheit von Forschung und Lehre, gegen den Verdacht der Volksverhetzung und mangelnder Mäßigung im Amt." Falls Verstöße nachgewiesen werden, drohen Rauscher Sanktionen: von der Rüge über Kürzungen seiner Bezüge bis hin zur Entlassung. Eine dienstrechtliche Untersuchung läuft, die Kanzlerin ist dafür zuständig.

Dabei bereitet es der Hochschule schon länger Probleme, dass Rauscher ein Faible dafür hat, seine Meinungen in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Seit Monaten geht es auf seinem privaten Twitter-Account selten um Privat- und Verfahrensrecht, sein Fachgebiet. Lieber kommentiert er das politische Geschehen. "Es ist natürlich, sich zu wehren, wenn die eigene Kultur untergeht. Die 'Angst des weißen Mannes' sollte wehrhaft werden!" Solche Sätze las man schon früher von ihm. Oder: "Es gibt keinen friedfertigen Islam. Das Grundkonzept dieser 'Religion' ist kriegerische Ausbreitung."

"Die Universität verurteilt die neuerlichen Äußerungen von Prof. Rauscher ausdrücklich."

Die Proteste der Studenten dagegen, die Debatten darüber haben Rauscher bereits im vorigen Jahr mediale Aufmerksamkeit beschert, auch in der ZEIT (Darf ein Professor so was twittern? , Nr. 7/16). Äußerte sich die Hochschulleitung damals noch vorsichtig, abwägend, klingt sie nach den jüngsten Tweets entschiedener. "Die Universität verurteilt die neuerlichen Äußerungen von Prof. Rauscher ausdrücklich", heißt es in einem Statement. Vom Senat der Uni folgte eine ähnliche Erklärung, mit feinem Unterschied im Wortlaut: Man "verurteilt" Rauschers Äußerungen nicht, sondern "missbilligt" diese. "Die Details sind diffizil, "sonst wären wir ja schon längst fertig", sagt Birgit Dräger, die Kanzlerin.