Der Edelanbieter Manufactum ist nun 30 Jahre alt, bald werde ich 60. Ich bin ein Kunde der ersten Stunde, mein halbes Leben lang floss ein Gutteil meines Salärs in dieses Unternehmen. Als es die Grünen noch gar nicht gab, deren Entstehung nicht zufällig mit der Gründung von Manufactum zeitlich zusammenfiel, widerten mich schon all die kurzlebigen Wegwerfprodukte an, deren Verschleiß kalkuliert schien und die sofort nach Ablauf der Garantiezeit Schrott waren. Um dem Rad der Zeit in die Speichen zu greifen, deckte ich mich fast ausschließlich auf Flohmärkten ein. Das waren der einzigen Orte, im Sinne von Karl Marx, wo der Nutzwert der Dinge den Tauschwert überstieg, wo der Kommunismus gegenüber dem Konsumismus einen Punktsieg davontrug. Der Nachteil dabei: Die Flohmarktware war vielfach, obwohl solide gefertigt, arg verschlissen und hielt dann doch nicht viel länger als jede neue Massenware.

Da stieß die Firmenphilosophie dieses neuen, auf Nachhaltigkeit bedachten Warenhauses bei mir auf offene Sinne, zumal der Gründer Thomas Hoof sich in jeder seiner Produktbeschreibungen im Katalog als kulturpessimistischer Vertreter der linken Frankfurter Schule auswies. Mit jedem überteuerten Gegenstand gab es immerhin eine Zusatzlektion in adornistischer Weltbetrachtung, das Wort "Nachhaltigkeit" wurde da vergegenständlicht, bevor der Begriff zur Mode wurde. Das Echte, das Authentische – auch so ideologische Zauberformeln des ausgehenden letzten Jahrhunderts – wurden durch elaborierte Herkunftsbeschreibungen der Artikel beglaubigt.

Jedes Astloch des Tritthockers aus Eichenholz (218 Euro) wurde vom Stamm im Wald bis zu seiner Endfertigung in einer ausgesuchten Werkstatt nachverfolgt. Dass dabei nur althergebrachte, vom Aussterben bedrohte Handwerkstechniken angewandt wurden, verstand sich von selbst. Gab es jemals einen Echtheitskitsch – das war er! Das Signal war klar: So, wie die Manufaktur in der Wirtschaftsgeschichte der Vorläufer zur industriellen Massenherstellung war, suggerierte der Firmenname "Manufactum", mit der Hand gemacht, die rechtschaffene Handarbeit ehrbarer Meister. Sie galt es als letzte Domäne zu verteidigen.

Ein kulturelles Rettungsprojekt also, das sich mit robusten Waren dem Verfall der Qualität entgegenstellte. Die heimische, regionale Herkunft der Produkte, deren Transportwege möglichst eine gute Ökobilanz aufweisen sollten, war nicht nur der praktischen Vernunft geschuldet. Der Manufactum-Kosmos funktioniert bis heute wie das Asterix-Dorf gegen die Globalisierung. Eisig kalkuliert dabei ist auch die Nostalgie, die viele Waren umschwebt: Die Blechauto-Repliken der Firma Schuco, die bei Manufactum zwischen 20 und 90 Euro kosten, oder das völlig antiquierte "Rutschauto Bausatzflink" für schlappe 249 Euro, faszinieren wohl nur Grauhaarige auf der Suche nach ihrer verlorenen Zeit oder Kleinkinder, die Automarken noch nicht voneinander unterscheiden können. Das Manufactum-Spielzeug ist ein Schlag ins Gesicht jeder Plastik-Barbie. Die teuren Plüschtiere aus ökoverträglichen Materialien landen nach Gebrauch gewiss bei keiner Flüchtingshilfe, sondern sollen als Erbstücke die Generationen überdauern. So changiert ein Geschmacksbürgertum zwischen altbürgerlicher Gediegenheit und neubürgerlichem Selbstbewusstsein.

An den Manufactum-Waren klebt die Patina, die sich normalerweise erst nach Jahren bildet, schon beim Kauf. Als Melancholie-Versand erweist sich diese Firma zudem bei den edlen Schreibgeräten und den handgearbeiteten ledernen Notizbüchern. Sie bilden einen Gegenangriff auf die pragmatische digitale Schreibtechnologie. Das Haptische, das Sinnliche hat jedoch seinen Preis. Die Entdeckung der Langsamkeit mit sperrigen und teuren Schreibprodukten ist viel teurer als ihr digitales Äquivalent. Ein kostspieliger Versuch, nicht nur Warengeschichte festzuhalten, sondern sich mit der Ware seiner Individualität zu versichern.

Was am Anfang als Gegenhaltung gedacht war, ist heute nur noch Pose. Alle Kunden, deren Großmütter schon Dr. Oetkers Backmischung verwendet haben und die Sahne aus der Sprühdose kredenzen, werden im Katalog mit Konfitüren und Backwerk aus Großmutters Zeiten umgarnt, mit Etiketten auf den Packungen, die an Omas Zitterhandschrift erinnern. Bei Manufactum kostet der "Mohnkuchen schlesischer Art" 18,90 Euro, mexikanische Schokolade, sicherlich von Azteken handgeschöpft, 9,50 Euro die 100-Gramm-Tafel.

Das alles ist man offenbar gerne bereit zu zahlen, weiß man sich doch als Teil einer erlauchten Gruppe. Ginge ein Zahnarzt über einen Bauernmarkt, fände er einen soliden Kehrbesen oder einen emaillierten Putzeimer für einen Bruchteil des Geldes, das er bei Manufactum dafür bezahlt. Die Ware mag dieselbe sein, das Ambiente ist es nicht. Manufactum betreibt tempelartige Warenhäuser in Berlin, Düsseldorf, Bremen, Frankfurt/Main, Hamburg, Köln, München und Stuttgart, der Stammsitz in der früheren Lohnhalle der Zeche Waltrop ist ein industriearchitektonisches Juwel. Dort und auch in den sieben anderen Städten bietet Manufactum zudem Seminare an, in denen die Kundschaft lernt, Küchenmesser zu schärfen und zu pflegen oder den "Dinkelacker Herrenschuh" für 769 Euro fachgerecht zu putzen.

Doch auch an diesem Warenhaus geht die Zeit nicht spurlos vorüber. Thomas Hoof hat vor zehn Jahren sein Warenhaus für gehobene Stände an den Otto-Konzern verkauft, eine zweistellige Millionensumme soll dabei geflossen sein. Das Haus hat aber nicht nur den Besitzer gewechselt, sondern der politische Farbton seines Gründers spielt nun von Grün ins Bräunliche hinein.

Den Verlag Manuscriptum hat Hoof nicht weiterverkauft. Er verlegte dort Akif Pirinçcis Werk Deutschland von Sinnen, in der der Pegida-Redner und Skandalautor über die Demokratie, gegen Fremde, Homosexuelle und emanzipierte Frauen herzieht. Hoof arbeitet überdies mit dem antiliberalen Publizisten André Lichtschlag zusammen, der mit seiner Zeitschrift "Eigentümlich frei" am rechtskonservativen Rand angesiedelt ist. Auch wenn sich die Betreiber des heutigen Warenhauses eindeutig von Hoofs neuem politischen Sendungsbewusstsein distanzieren, der Versandkatalog ließe sich auch rückwirkend mit etwas bösem Willen als kompatibel mit deutschtümelnder Meistersingerei und völkischer Herkunftsbetonung lesen.

Adornos Kulturpessimismus, nunmehr rechtsgedreht. Auch wenn sich Hoof aufs Land zurückgezogen hat und dort seiner Angstlust am Weltuntergang frönt, am Manufactum-Besen wird dieses Deutschland nicht genesen. Schon länger wird der typische Manufactum-Kunde in den politischen Comedy-Shows als Inbegriff des grünen Neospießertums gehandelt.

Das sind dann dieselben, die ehemalige Arbeiterbezirke wie den Prenzlauer Berg in Grund und Boden gentrifizieren und in ein unerschwingliches Ökoparadies verwandeln. Die Hipster, die dort leben, könnten mit ihren Hosenträgern, Holzfällerhemden und Arbeitshosen aus Englischleder aus dem Katalog entsprungen sein. Dabei trägt der Kult um das Bewahren auch penetrante Züge. Um es mit dem Journalisten Mathias Greffrath zu sagen: "All das weckt in mir eine tiefe Sehnsucht nach Plastikstühlen, Junkfood und Dosenbier."