Es ist im Vatikan kein Geheimnis, dass diese Reise den Mitarbeitern des Papstes schon vorab Kopfschmerzen bereitet hat. Die Diplomaten des Heiligen Stuhls hatten den Chef immer wieder zu politischer Vorsicht gemahnt. Trotzdem wollte der 80-Jährige unbedingt nach Myanmar fliegen.

Ende August schon sprach er das größte Tabu des buddhistischen Landes laut aus: Er beklagte die brutale "Verfolgung der religiösen Minderheit der Rohingya, unserer Brüder und Schwestern". Einmal mehr machte er klar: Nicht nur Christen sind meine Glaubensgeschwister, auch Muslime.

Ja, der Papst hat "Rohingya" gesagt.

Die Machthaber in Myanmar, vor allem die Generale, wollten um jeden Preis verhindern, dass er es auf seiner Reise wiederholte. Denn es würde die Vertriebenen, Vergewaltigten, Getöteten als religiöse Gruppe kenntlich machen: Sie werden von offizieller Seite "Bengalen" genannt, der Nähe zu Bangladesch wegen. So spricht man ihnen die Zugehörigkeit zu Myanmar ab, außerdem erweckt man den Eindruck, ihr Schicksal habe nichts mit Religion zu tun.

Auch die katholischen Bischöfe Myanmars haben den Papst gebeten, das Wort Rohingya nicht mehr zu benutzen. Warum? Die Christen sind selbst Minderheit, religiös wie ethnisch. Sie stehen unter dem Druck der buddhistischen Mehrheit, immer wieder kommt es zu Übergriffen.

Wenn der Papst zu harsche Kritik übt, sich zu deutlich für die Muslime einsetzt, gefährdet er andere Minderheiten. So sehen es die Bischöfe vor Ort. Tatsächlich haben die Militärs, also die Peiniger der Rohingya, große Macht im Land – obwohl es seit 2011 eine demokratische Regierung gibt. Die übt bei Menschenrechtsverletzungen nur vorsichtige Kritik. Auch das Staatssekretariat des Vatikans, zuständig für Diplomatie, riet zu kluger Zurückhaltung.

Dass der Papst sich im Vorfeld nicht daran hielt, gehört zur politischen "Methode Franziskus": Lieber zu wenig als zu viel Vorsicht! Oft hilft das. In Myanmar führte die Spannung, die der Papst mit seinem Verhalten erzeugte, bereits dazu, dass zwei Treffen mit Machthabern und Religionsvertretern ins Programm genommen wurden: Nach seiner Ankunft in Myanmar sprach der Papst zuerst die Generale – noch vor Präsident und Regierung. Dann traf er Vertreter aller Religionen des Landes. Was hinter verschlossenen Türen besprochen wurde, wissen wir nicht. Aber: Wenn es Konzessionen gibt, dann entstehen sie aus solchen vertraulichen Treffen – und nicht aus offiziellen Reden.

Zur Methode Franziskus gehört das Informelle und Außerplanmäßige. Es bescherte ihm Erfolg schon bei seinen Friedensbemühungen in Nahost: Während einer Reise nach Jordanien und Israel 2014 stoppte er, gegen das Protokoll, in Bethlehem an der Mauer, die Israelis und Palästinenser voneinander trennt. Der Papst stieg aus dem Papamobil, ging zur Mauer und legte, wie in einer Geste der Trauer und des Gebetes, seine Stirn gegen sie. Dieselbe Geste wiederholte er tags darauf an der Klagemauer.