Der Beamte Antonio Marino* steht mit dem Rücken zur Wand. Ein letztes Mal wandert sein Blick über das Publikum, über auffallend viele Männer in Lederjacken und Frauen mit dickem Lidstrich, er fasst sich ein Herz und sagt: "Ich begrüße Sie alle im Namen der Sozialbehörde, Referat Opferschutz."

"Du Opfer!", ruft eine Frau mit rauer Kehle in der letzten Reihe, gerade laut genug, um von den Umsitzenden ein paar Lacher zu ernten.

In ihrem Milieu ist "Opfer" ein Schimpfwort für Schwächlinge. Die, zu denen Marino hier spricht, zählen sich ganz sicher nicht dazu.

Der Beamte Marino, schmale Schultern, breites Lächeln, spricht heute zu Rotlicht-Größen: Im Konferenzsaal der Behörde sitzen die Chefs von Großbordellen, freiberufliche Dominas, die Chefin einer Escort-Agentur, etwa 80 Leute. Marino soll ihnen erklären, was das neue Gesetz zur Prostitution für ihre Zukunft bedeutet. Die Veranstaltung ist nicht öffentlich, alle sollen unbefangen ihre Fragen stellen können. Es sind Fragen wie: "Wenn mich einer dafür bezahlt, dass ich ihn als Sexsklaven an einen anderen verkaufe – braucht der dann auch einen Hurenausweis?"

Prostituiertenausweis und Gesundheitsberatung sind bald Pflicht

Das Gesetz, um das es geht, ist das Prostituiertenschutzgesetz. Demnach dürfen Bordelle nicht mehr wie bisher als "Zimmervermietung" oder "Wellnessclub" angemeldet werden, sondern heißen ganz offiziell "Prostitutionsstätten". Ein Bordell betreiben darf nur noch, wer nicht einschlägig vorbestraft ist und Bau- und Arbeitsstandards einhält. Und als Prostituierte darf nur noch arbeiten, wer regelmäßig bei der Behörde zur Gesundheitsberatung erscheint und einen Prostituiertenausweis bei sich trägt, inklusive Passfoto und Anschrift. Der Staat will sich Durchblick verschaffen im bislang undurchsichtigen Milieu. Und er will es Zuhältern schwer machen, die Frauen – oft aus dem Ausland – zur Sexarbeit zwingen und ihnen das Geld abknöpfen.

Über die Regelungen hatten Union und SPD im Bund jahrelang gestritten, das Gesetz war eines der letzten, die im Sommer den alten Bundestag passierten. Jetzt soll alles ganz schnell gehen: Bis zum 31. Dezember muss jede Kommune das Gesetz umsetzen. In ganz Deutschland arbeiten deshalb Beamte wie Marino daran, eine Bürokratie für das Rotlicht aufzubauen – und sie im Milieu zu erklären.

Die Frage ist nur, ob das Gesetz den Frauen (und wenigen Männern), die es schützen soll, nicht eher schaden wird.

Elke Winkelmann geht durch einen schummrigen Flur, vorbei an geöffneten Türen, in denen Frauen in Unterwäsche stehen: "Na, ihr Lieben, alles klar?", sagt sie. Zum Reden hat Winkelmann das letzte Zimmer auf dem Flur freigehalten, darin zwei Stühle, ein sehr breites Bett, auf dem Nachttisch eine große Packung Kleenex. "Ich bin hier Vermieterin", sagt Winkelmann. Früher nannte man sie Puffmutter.

"Mit wem die Frauen ins Bett gehen und wie viel Geld sie für was verlangen, ist allein ihre Entscheidung"
Elke Winkelmann, Vermieterin im Bordell

Elke Winkelmann, 53, mit einer Lesebrille im vollen Haar, stammt aus einer Kleinstadt im Rheinland. Sie steckte mitten in der Ausbildung zur Erzieherin, als sie sich das erste Mal an den Straßenstrich stellte. "Ich suchte sexuelle Abenteuer. Und für Sex Geld zu bekommen, fand ich großartig." Sie fand eine Welt, in der sie sich begehrt fühlte, in der sie Sex ausprobieren konnte, wie sie ihn vorher nicht kannte: Sex zu dritt, Rollenspiele. Mitte der neunziger Jahre ging sie nach Berlin und eröffnete im Wedding gemeinsam mit einer Kollegin ihr eigenes Bordell. Sie nannten es Freudenhaus Hase, "weil das nach dem Playboyhäschen klingt, aber auch nach Rammler".

Heute hat das Freudenhaus 14 Arbeitszimmer. Winkelmann hat hier keinen Sex mehr, stattdessen vermietet sie Zimmer an Prostituierte. Für 90 Euro am Tag bekommen sie frische Handtücher, Quittungsvorlagen für eine korrekte Steuererklärung und die Sicherheit, dass jemand in der Nähe ist. "Mit wem die Frauen ins Bett gehen und wie viel Geld sie für was verlangen, ist allein ihre Entscheidung", sagt Winkelmann.