In diesen Tagen singe ich manchmal, sehr leise, ein Lied. Es ist ein bisschen klagend, die Melodie habe ich von Tim Bendzko geliehen, vom Superhit Keine Maschine. Mein Lied hat nur einen Refrain, und der wiederum hat nur eine Zeile, es ist ein kurzes Lied.

"Ich will doch nur eine Regiiierung ...", singe ich und schalte Phoenix aus, der Kopf ist sorgenvoll aufs Sofakissen gebettet, draußen novembert es so vor sich hin. "Ich will doch nur eine Regiiierung", singe ich und bringe den Müll raus in den deutschen Herbst, und dann stehe ich in der Küche, poliere die Herdplatte, und der Deutschlandfunk meldet noch immer Unordnung in Berlin; Minderheitsregierung? Neuwahlen? Groko? Keine neue Regierung vor Silvester.

Es ist so seltsam, dieses Gefühl der Regierungslosigkeit, sehr unangenehm. Als ob alle Türen aufstehen und alle Fenster, Zugluft an der Schulter. Als ob die Küche seit Wochen in vollkommenem Chaos ist. Als wäre man aus dem Haus gegangen und würde sich nun fragen, ob das Bügeleisen noch steckt.

Zwischendurch dann aufkeimende Hoffnung, als Wolfgang Schäuble, Präsident des Deutschen Bundestags, Gott sei Dank, öffentlich sagt: "Klar isch, dass regiert werden muss." Ach, wäre Deutschland nur wie Baden-Württemberg oder noch besser: wie Württemberg. Dann wäre so vieles klar. Dass man nicht einfach vom Tisch aufsteht und geht, wenn noch alles in Unordnung ist. Dann wäre klar, dass Politik eben nicht Spaß macht, sondern Sinn, wie unser Landesvater so treffend sagt, Winfried Kretschmann. Aber das versteht ein Rheinländer nicht, Christian Lindner aus Wermelskirchen.

Kein Wunder, Rheinländer stehen gerne in bunten Hummelkostümen auf Bierbänken und grölen, wie schön doch das Leben ist, während draußen die Straßen vermüllen. Die finden Unordnung lustig, die nennen das Karneval. Ich finde das grauenhaft. Es ist einfach so unfair, weil es natürlich manche viel besser ertragen, dieses elendige Durcheinander. Berliner zum Beispiel, die finden das völlig okay, für die ist das ein Stück Normalität. Das Leben im Provisorium. Die denken sich: Warum soll es dem Land besser gehen als seiner Hauptstadt?

Hanseaten wiederum – ganz anders, das sind gute Leute, sehr ordentlich, sehr höflich. Für Hanseaten ist diese leidige Regierungslosigkeit auch schwer zu ertragen. Ein bisschen fühlt sich das an, als zöge der schwarze Block wieder über die Elbchaussee. Der Hanseat schätzt Understatement, er ist im Prinzip ein halber Schwabe: viel arbeiten, wenig reden. Ich stelle mir Helmut Schmidt vor, das tröstet mich in diesen Tagen. Wie er Lindner zusammenfalten würde und den ganzen dienstverweigernden Rest.

Deutschland ist als Land ja nur deshalb attraktiv, weil gilt: Wetter schlecht, aber Verhältnisse stabil. Das beruhigt einen ja schon sehr, wenn man aus dem Urlaub zurückkommt, mit Sonnenbrand der Stufe zwei über die Alpen fährt, die Autobahnschilder werden blau, die Windschutzscheibe ist sanft benetzt vom Nieselregen, und dann hört man Angela Merkel im Radio, das Glück der Kontinuität. Das beruhigt ungemein, kann mir keiner erzählen, dass das nicht so ist, das fühlen heimlich auch Querköpfe von Linkspartei, FDP und Anhänger anderer Chaosgruppen. Was, bitte schön, soll das noch für ein Land sein, wenn es nicht in der Lage ist, eine ordentliche Regierung zu bilden? Italien. Minus Sonne, Lässigkeit, Mittelmeer und Monica Bellucci.

Es würde mich ja schon beruhigen, wäre der Bundespräsident Schwabe. Klar, Steinmeier ist gut; unprätentiös und arbeitsam überredet er gerade die Volksparteien zum gemeinsamen Regieren. Horst Köhler aber wäre besser. Ich stelle mir vor, wie er sich zum Lindner vorlehnt und ihm klipp und klar sagt: "Sie ganget jetzt zum Cem Özdemir und gäbet ihm die Hand." Und dann stapft der Lindner kleinlaut aus dem Schloss und fühlt sich wie der Lümmel, der schon wieder beim Rektor war.

Und dann würde der Köhler dem Lindner hinterhergucken und zu seiner Eva sagen: "A bissle domm isch jedr. Abbr so domm wia manchr isch koinr."