© S. Fischer

1 (-) Andreas Bernard: Komplizen des Erkennungsdienstes
Das Selbst in der digitalen Kultur; S. Fischer; 240 S., 24,– €

Der Kulturwissenschaftler Andreas Bernard hat eine packende Studie über die Genese des Selbst in der digitalen Kultur verfasst. Bernards Befund: Die Techniken der Selbstdarstellung haben ihre Ursprünge im 19. Jahrhundert, als in Gefängnissen und Psychiatrien zur Kontrolle von Straftätern die Profilerstellung entwickelt wurde. Heute geben wir unsere Profildaten an Google und Facebook freiwillig heraus. 104 Punkte


© C. H. Beck

2 (-) Ibram X. Kendi: Gebrandmarkt
A. d. Engl. v. Susanne Röckel u. Heike Schlatterer; C. H. Beck; 604 S., 34,– €

Die Studie des Historikers Ibram Kendi ist ein halbes Jahr vor dem Wahlsieg von Donald Trump erschienen. Jetzt liegt das Buch auf Deutsch vor: In der Chronik, die von den Puritanern bis zur Black-Lives-Matter-Bewegung reicht, zeigt der Historiker, warum die Gesellschaft der USA nach wie vor auf rassistischen Werten basiert. Ein Buch, so schmerzhaft wie informativ. 69 Punkte


© C. H. Beck

3 (-) Bernd Roeck: Der Morgen der Welt
Geschichte der Renaissance; C. H. Beck; 1304 S., 44,– €

Warum stieg Europa in der Renaissance zur Weltdominanz auf? Diese Frage beantwortet der Historiker Bernd Roeck in seinem faszinierenden, faktenreichen Panorama. Seine Gründe für den Siegeszug seit 1500: Die italienische Kunst, die Ideen des Humanismus, der Rückbezug auf die Antike, die Technikbegeisterung, aber auch die Kolonialisierung machten den Kontinent selbstbewusst. 65 Punkte


© Suhrkamp

4 (1) Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten
Suhrkamp; 480 S., 28,– €

Der Soziologe Andreas Reckwitz hat eine originelle Generaltheorie unserer Epoche vorgelegt: Nach der industriellen Moderne herrsche im Westen ein Kulturkapitalismus, der wieder soziale Klassen kenne, die sich aber nach kultureller Dominanz sortieren. Reckwitz erzählt, wie der Drang zum Singulären den nach Gleichheit ablöst – und so neue Eliten und Abgehängte, Spaltungen und Konflikte entstehen. 57 Punkte


© Suhrkamp

5 (-) David Miller: Fremde in unserer Mitte
Politische Philosophie der Einwanderung; a. d. Engl. v. Frank Lachmann; Suhrkamp; 330 S., 32,– €

Geht das: für eine tolerante Flüchtlingspolitik kämpfen und zugleich deren Risiken diskutieren? Dem britischen Philosophen David Miller ist der Spagat gelungen. Er zeigt, dass es keinen Widerspruch gibt zwischen der Verteidigung von Bürgerrechten und dem Engagement für Menschenrechte. Der Brite lässt dabei einen Kompromiss zwischen liberaler und realistischer Immigrationspolitik erkennen. 54 Punkte


© Hanser Berlin

6 (-) Emilia Smechowski: Wir Strebermigranten
Hanser Berlin; 224 S., 22,– €

Emilia Smechowski ist in Polen geboren. Als Kind wanderte sie mit ihren Eltern nach Deutschland aus, wo sie sich der deutschen Kultur völlig anpassen musste. In ihrem persönlichen Buch reflektiert sie über die Gründe ihrer Assimilation, den Druck im Elternhaus und die Suche nach einer deutsch-polnischen Identität. Am Ende zeigt die Autorin, warum so viele Polen in Deutschland unsichtbar bleiben. 52 Punkte


© S. Fischer

7 (-) Ina Hartwig: Wer war Ingeborg Bachmann?
Eine Biographie in Bruchstücken; S. Fischer; 320 S., 22,– €

Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann ist auch ein Mythos: Ihre Auftritte, ihre Beziehungen zu Paul Celan und Max Frisch, ihre glamouröse Aura und ihr mysteriöser Tod machten sie zu einer der faszinierendsten Intellektuellen der Nachkriegsgeschichte. Ina Hartwig hat endlich eine entmystifizierende Biografie über diese ehrgeizige, so fragile wie derbe Diva geschrieben, die ein Medienprofi war. 48 Punkte


© Suhrkamp

8 (-) Christoph Ribbat: Deutschland für eine Saison
Suhrkamp; 272 S., 24,– €

1977 galt im westdeutschen Basketballsport eine Obergrenze von einem Ausländer pro Team. In Göttingen war der Platz durch einen Mann aus Los Angeles besetzt: Wilbert Olinde. Er kam ohne Erwartungen und machte schnell Karriere. Das Buch erzählt Olindes verblüffenden Aufstieg und eine Geschichte von Rassismus, Anpassung und Ausgrenzung. Ein kluges Sachbuch, spannend wie ein Roman. 41 Punkte


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9 (7) Herfried Münkler: Der Dreißigjährige Krieg
Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618–1648; Rowohlt Berlin; 976 S., 39,95 €

Bis zum Zweiten Weltkrieg war es der Dreißigjährige Krieg, der als Referenzgröße wahren Schreckens und schlimmster Verwüstung galt. Herfried Münkler erzählt, wie dieser Krieg, der nicht nur ein Drittel der Bevölkerung das Leben kostete, sondern auch die europäische Staatenordnung zerstörte, der Anfang einer neuen Epoche wurde und eine entscheidende Friedensordnung zuwege brachte. 36 Punkte


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10 (-) Martin Walser/ Jakob Augstein: Das Leben wortwörtlich
Ein Gespräch; Rowohlt; 352 S., 19,95 €

Rechtlich ist Jakob Augstein der Sohn des "Spiegel"-Gründers Rudolf Augstein. Doch sein leiblicher Vater ist der Schriftsteller Martin Walser, wie Jakob Augstein 2002 erfuhr. Jetzt haben Vater und Sohn einen Gesprächsband veröffentlicht: Sie reden über den Krieg, das "Dritte Reich", das Schreiben, Walsers Jugend am Bodensee und natürlich über Hölderlin. Nur der Sex wird ausgespart. Nicht aber die Liebe. 28 Punkte