Das Bild, das einen erstarren lässt, zeigt kein Blut, keine Toten, keine Trümmer. Nur einen Haufen Schuhe unter einem Baum, hinterlassen von Gläubigen, die am vergangenen Freitag zum Gebet in die Moschee in Bir al-Abed gekommen waren. Über dreihundert von ihnen wurden von einem islamistischen Killerkommando durch Bomben und Gewehrkugeln ermordet. Nach islamischer Tradition hat man die Toten umgehend bestattet. Aber ihre Schuhe blieben vor der Moschee liegen.

Bir al-Abed ist ein Dorf mit rund 2.000 Einwohnern im Norden der ägyptischen Sinai-Halbinsel. Die meisten Bewohner gehören dem lokalen Sawarka-Stamm an, und viele sind Sufis, also Anhänger einer mystischen Ausrichtung des Islams, in der auch einflussreiche Lehrer verehrt werden. Wenn das Massaker die Tat des "Islamischen Staates" (IS) war, worauf bislang vieles hindeutet, dann wurden den Toten diese beiden Umstände zum Verhängnis. Bislang fehlt ein Bekennerschreiben, doch schwenkten einige der Angreifer die schwarzen Fahnen des IS.

Über den Nord-Sinai donnern nun wieder Kampfflugzeuge der ägyptischen Luftwaffe. Mit "größtmöglicher Härte" werde man Sicherheit und Stabilität wiederherstellen, hat Präsident Abdel Fattah al-Sissi geschworen. Das Massaker, so die offizielle Lesart in Kairo, sei Indiz "für die Schwäche und Verzweiflung" der Dschihadisten, die sich nur noch an "weiche Ziele", nicht aber mehr an die Sicherheitskräfte herantrauten. Die Frage ist, wer das in Ägypten noch glauben soll.

Anders als ihr Präsident haben viele Ägypter, vor allem aber die Bewohner im Norden des Sinai, die Botschaft der Terroristen vermutlich sehr gut verstanden: Wer sich loyal gegenüber dem Staat verhält oder zu den "Ungläubigen" gezählt wird, soll sich nirgendwo mehr sicher fühlen. Die Sawarka sind nämlich einer der wenigen Beduinen-Stämme, die mit der ägyptischen Armee kooperieren. Und den Sufismus mit seiner Anbetung von Heiligen hat der IS schon lange zum "Götzendienst" und seine Anhänger damit zu Freiwild erklärt. Mehrfach wurden in Ägypten bereits sufistische Kleriker ermordet. In den Wochen vor dem Attentat hatte der IS Boten mit schriftlichen Drohungen nach Bir al-Abed geschickt. Schon Anfang des Jahres hatte das IS-Propagandablatt Rumiyah die Bekämpfung des Sufismus im Sinai wegen seiner "Vielgötterei und verbotenen religiösen Neuerungen" zum obersten Ziel erklärt und dabei ausdrücklich die Moschee in Bir al-Abed ins Visier genommen. Ägyptischen Sicherheitsorganen kann das nicht entgangen sein. Trotzdem konnten die Dschihadisten am vergangenen Freitag ungehindert angreifen.

Seit 2014 schon gilt im Nord-Sinai der Ausnahmezustand. Dort bombardieren Kampfflugzeuge tatsächliche oder vermeintliche Stützpunkte von Dschihadisten; Armee und Spezialeinheiten durchkämmen Dörfer; und der Präsident verkündet ein ums andere Mal den nahen Sieg gegen den Terrorismus. Doch selbst das halbstaatliche "Al-Ahram-Zentrum für politische und strategische Studien", das über den Verdacht allzu regierungskritischer Recherchen erhaben ist, registrierte zwischen 2014 und 2016 über 1.100 bewaffnete Angriffe auf ägyptische Sicherheitskräfte – nicht nur, aber vor allem im Nord-Sinai.

Bei diesen Zahlen liegt die Vermutung nahe, dass der IS nach dem Untergang seines "Kalifats" in Syrien und im Irak nun ein neues Schlachtfeld in einem anderen labilen Land sucht: Ägypten. Woher kommen die Dschihadisten in Ägypten? Offenbar nicht aus Syrien oder dem Irak: Westliche Geheimdienste verzeichneten in den vergangenen Monaten keine größere Abwanderung von IS-Kämpfern aus dem untergegangenen "Kalifat" in den Sinai.

Die Sicherheitsprobleme des Landes, so der Politologe Omar Ashour, Dozent für Sicherheitsstudien an der Universität Exeter, seien zu großen Teilen hausgemacht: "Eine nie da gewesene Brutalität des Regimes, fehlende Reformen des Sicherheitssektors, extreme soziale und politische Polarisierung." Nirgendwo in Ägypten hat sich das in den vergangenen Jahren dramatischer zugespitzt als im Sinai.

Ansar Beit al-Maqdis ("Hüter des heiligen Hauses") lautete ursprünglich der Name jener Gruppe im Sinai, die im November 2014 dem IS die Treue schwor. Sie bestand und besteht bis heute fast ausschließlich aus Ägyptern mit Kontakten in den Gazastreifen und nach Libyen. Viele Kämpfer in ihren Reihen sind Angehörige lokaler Beduinen-Stämme. Sie treibt weniger die Sehnsucht nach einem neuen "Kalifat" an als die Wut auf den Staat.