Zahlen sorgen vor allem dann für viel Aufregung, wenn sie sich verändern. Dabei sind manche von ihnen gerade dann besonders problematisch, wenn sie gleich bleiben. So wie die Zahlen, die die Bundesnetzagentur vor zwei Wochen veröffentlichte: Knapp 320.000 Haushalten wurde 2016 in Deutschland der Strom abgestellt. Mehr als 6,6 Millionen wurde die Sperrung angedroht. Was der Bericht auch zeigt: Zwar stiegen und sanken diese Zahlen seit 2011 immer mal wieder, aber nicht signifikant. Mit anderen Worten: Hunderttausende Menschen lebten in den vergangenen Jahren in Deutschland dauerhaft oder zeitweise ohne elektrisches Licht, ohne Kühlschrank, häufig auch ohne warmes Wasser. Und obwohl dieses Problem schon seit Jahren bekannt ist, hat sich daran nichts geändert.

Es ist nicht so, dass sich niemand darum kümmerte. Der Bund und die Länder gaben Verbänden wie der Caritas und den Verbraucherzentralen Geld, um Menschen zu beraten, wie sie Strom sparen können. Manche von ihnen bekamen einen Gutschein, um sich einen energiesparenden Kühlschrank zu kaufen. Trotzdem blieben die Zahlen auf ähnlichem Niveau.

Das könnte daran liegen, dass bislang niemand so genau weiß, wem überhaupt der Strom abgestellt wird. Und somit auch nicht, wie man den Betroffenen helfen kann. Eine neue Studie soll das nun ändern. Ökonomen vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) haben gemeinsam mit der Caritas untersucht, welchen Menschen in Deutschland die Leitung gekappt wird. Die Studie erscheint am 4. Dezember, die ZEIT konnte sie vorab einsehen.

Die wichtigsten Ergebnisse lassen sich in wenigen Sätzen zusammenfassen: Ein besonders hohes Risiko, dass ihnen der Strom abgestellt wird, haben Menschen, die von Hartz IV leben, und Geringverdiener, die verschuldet sind. Familien bekommen besonders häufig Stromsperren angedroht. Tatsächlich gesperrt werden allerdings vor allem Single-Haushalte.

Dass es vor allem Menschen mit wenig Geld sind, denen der Strom abgestellt wird, ist nicht überraschend. Doch die Studie beschäftigt sich erstmals im Detail mit der konkreten Situation derjenigen, die unter dem Problem leiden. Daraus leiten die Studienautoren Empfehlungen ab, wie es gelöst werden könnte. "Wir müssen die Lebensumstände stärker berücksichtigen", sagt Peter Heindl vom ZEW. Menschen, die verschuldet sind oder andere finanzielle Probleme haben, müssten möglichst früh Hilfe bekommen. Angebote wie Schuldnerberatungen sollten ausgebaut werden. Vor allem aber sollten die Menschen lernen, sich selbst zu helfen. "Wir müssen die finanzielle Allgemeinbildung fördern", so Heindl.

Wenig berücksichtigt wird bei den Empfehlungen allerdings, ob überhaupt genug Geld auf dem Konto ist, mit dem man haushalten kann.

So kritisieren beispielsweise Forscher der Universität Siegen, dass die Hartz-IV-Sätze seit Jahren zu niedrig seien, um die steigenden Strompreise zu decken. Die Regelsätze müssten demnach um 40 Euro monatlich angehoben werden, schätzt der Politikwissenschaftler Christoph Strünck.

In der ZEW-Studie heißt es, dass Menschen, die längere Zeit Hartz IV bezögen, seltener den Strom abgestellt bekämen. Die Autoren leiten daraus ab, dass die Betroffenen mit der Zeit gelernt hätten, mit dem Geld umzugehen. "Man kann es so interpretieren", sagt Christoph Strünck, "es könnte aber genauso gut sein, dass sie auf notwendigen Strom verzichten müssen und nun unterversorgt sind." Möglich wäre also, dass Betroffene zwar mit Geld umgehen können, aber davon so wenig haben, dass sie freiwillig kalt duschen – aus Angst, dass ihnen der Strom abgestellt wird.