Vielleicht hält mich der Facebook-Algorithmus für revolutionär. Oder er glaubt, ich habe zu viel Geld. Vielleicht hält er mich auch nur für dämlich. Jedenfalls preist mir Facebook eine Produkt-Revolution nach der nächsten an, in den eigens für mich personalisierten Anzeigen. Das Kräutergarten-Küchengerät "Clickandgrow" etwa revolutioniere mit "smarter Erde", LED-Lampen und Sensoren, "wie frisches Essen gezüchtet wird". Oder die "Bombas"-Socken: mit einer Wabenstruktur für Extra-Spannung, "wo Du sie am meisten brauchst" (Mittelfuß), aus dem "komfortabelsten Socken-Material, das die Menschheit kennt" (Baumwolle). Meinen die das ernst? Oder ist das Teleshopping für Digital Natives?

Das Versprechen lautet eigentlich immer: rundum erneuerter Alltag mit dreihundert Prozent verbessertem Lebensgefühl. Nicht weniger als: die Revolution. Ob als Blumentopf (mit Internet) – oder als Baumwollsocke.

Und mit jedem neuen Nebel-Duschkopf ("revolutionizing the way you shower"), den mir Facebook zeigt, frage ich mich: Könnte auch ich ein revolutionäres Produkt erfinden, das Leben verändert? Vielleicht sogar reich damit werden? Oder zumindest meine Rente sichern? Meine Freunde kriegen gerade Kinder, potenziell Hochbegabte (und Altersvorsorgen). Ich könnte wenigstens ein geniales Ding in die Welt setzen.

Zwar habe ich keine Ingenieursausbildung. Ich habe Geschichte studiert und nur gelernt, Revolutionen rückblickend zu prognostizieren. Aber vielleicht ist das kein Nachteil. "Je simpler und offensichtlicher eine Entdeckung ist, desto weniger sind wir in der Lage, mit komplizierten Methoden darauf zu kommen", schreibt Nassim Taleb, Autor von Der Schwarze Schwan, einem Buch über die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. Es gebe zwei Formen von Wissen. Zum einen das theoretische, das man an Universitäten erwerbe. Doch dieses spiele "für das Leben eine derart geringfügige Rolle, dass es schon nicht mehr witzig" sei. Zum Bau einer Atombombe möge man akademische Forschung brauchen. Ansonsten aber entstünden Ideen durch Handeln. Es seien nicht Denker, sondern Tüftler gewesen, die den Rollkoffer erfanden. Sie verfügten über eine zweite Art Wissen: die Art, etwas zu tun, ohne es genau beschreiben zu können. Darin bin ich sehr gut.

Ich lese Berichte über Jungunternehmer. In einem erklärt der Gründer von Eve überraschend ehrlich: "Wir wollten ein Start-up gründen. Also haben wir geguckt, welches Geschäft hohe Margen bietet und gleichzeitig noch nicht so stark digitalisiert ist." Sie verkaufen jetzt online Matratzen für 349 bis 999 Euro, "revolutionäre" natürlich. Die Stiftung Warentest fand sie eher nicht so gut. Klingt, als käme man mit fast allem durch, als könnte es jeder Idiot. Warum nicht auch ich?

Das Design macht ein Indonesier oder Ukrainer, den man auf Seiten wie Upwork, wo Produktdesigner ihre Dienste anbieten, billig anheuert. Der Prototyp kommt aus dem 3-D-Drucker. Das Startkapital sammelt man sich von Tausenden potenziellen Kunden per Crowdfunding zusammen. Dann versucht man mit Werbung auf Facebook und Marketing über Influencer sein Glück bei leicht zu begeisternden Leuten. So will auch ich es machen. Einsteigen in die neue Ökonomie der kleinen Stückzahlen, des schnellen Testens und schnellen Scheiterns. Oder schnellen Erfolgs. Aber womit?

Hungrig auf eine revolutionäre Idee, schaue ich mich in meinem Leben um. Technische Lösungen von Alltagsproblemen (sowie ein Hang zum over-engineering) haben in meiner Familie Tradition. Im Alter von zehn Jahren sollte mein Bruder mal hundert Briefe zukleben. Er baute eine Lego-Maschine dafür. Seinen ersten und einzigen Auftritt im Schweizer Fernsehen hatte mein Vater, als er eine Schere mit einem Staubsauger kombinierte – für Friseure.