Der rotgesichtige Kerl mit den gelben Haaren, der drüben in Amerika gerade das Weiße Haus zerlegt, ist er nicht ein Produkt des Amerikanischen Traums? Laut, rücksichtslos, von sich überzeugt, gab es für ihn immer nur einen Weg: nach oben. Verlierertypen wie Willy Loman, die Hauptfigur in Arthur Millers berühmtem Stück Tod eines Handlungsreisenden, haben da keine Chance. Wer es nicht bringt, wird an den Rand gedrängt, aussortiert, gefeuert. Mit dieser Überzeugung ist Donald Trump nicht nur in seiner Fernsehshow The Apprentice vorgegangen. So einfach ist das in der modernen Leistungsgesellschaft. Und so brutal.

Es hätte einige Anknüpfungspunkte gegeben, um den gut abgehangenen Nachkriegs-Theaterklassiker von 1949 in die globalisierte Welt von heute zu übertragen. Die Trump-Ära und ihre Folgen für die Welt wären einer gewesen. Aber Regisseur Sebastian Nübling hat sich in seiner Inszenierung am Thalia Theater anders entschieden. Statt einen zeitgeistigen Kommentar auf die Verhältnisse abzugeben, konzentriert er sich auf die psychologischen Verwerfungen innerhalb der Familie Loman. Und tatsächlich, es funktioniert. Die anfängliche Enttäuschung über den vermeintlich kleineren Wurf weicht Szene um Szene dieses raffiniert durchkomponierten Abends der beklemmenden Erkenntnis: Das geht uns alle an.

Auf die düstere, minimalistische Bühne von Evi Bauer fährt immer wieder eine Tischtennisplatte – die Sportmetapher zur Illustration einer durchökonomisierten Gesellschaft mag naheliegend sein, hier aber entfaltet sie bildmächtige Wirkung. Biff und Happy, die nichtsnutzigen Söhne des Handelsvertreters Loman, spielen darauf in trashigen Trainingsanzügen (Kostüme: Amit Epstein) so lange Pingpong, bis Biff vor Erschöpfung mit dem Kopf auf die Platte kracht. Dies ist nicht der letzte Zusammenbruch des Abends. Willy, der Vater, hat schon lange nicht mehr die Kraft, die Bälle in der Luft zu halten. Er sitzt am Rand, in sich zusammengesunken in seine rentnerbeige Arbeitsuniform. Kein alerter Gewinner, sondern ein alter Mann, nicht mehr effizient genug. Die Firma, für die er 34 Jahre lang gearbeitet hat, hat ihm das Gehalt gestrichen, seitdem tingelt er auf Provisionsbasis durchs Land. Sein gesellschaftlicher und buchstäblicher Selbstmord ist nur noch eine Frage der Zeit.

Doch bis es so weit ist, quält er seine Söhne mit überzogenen Erwartungen. Reichtum, Chefposition, Ansehen, das ist das Mindeste, was sie erreichen sollen. Und wie gerne hätte er den Älteren als Footballstar gesehen. Früher war der tatsächlich mal ein vielversprechender Athlet, doch jetzt steht Biff, den Sebastian Rudolph als grüblerischen Schmerzensmann spielt, verloren in der Gegend herum. Frisch aus dem Knast, Tattoos am Hals und im Gesicht, wünscht er sich nichts so sehr, wie nur ein einziges Mal von seinem Vater wirklich gesehen zu werden. Logisch, dass er von dem zehnköpfigen Footballteam, das Nübling als eine moderne Version des antiken Chores aufbietet, über den Haufen gerannt wird. Die Statisten stecken in bedrohlichen schwarzen Uniformen und bellen hohle Motivationsfloskeln: "You only fail when you stop trying" – Du scheiterst nur, wenn du aufhörst zu probieren.

Der jüngere Bruder Happy, den Rafael Stachowiak als fahrigen Hallodri spielt, hat das längst aufgegeben. Er bevorzugt den Weg des geringsten Widerstands und legt lieber die Frauen seiner Vorgesetzten flach, als weiter im familiären Morast zu verharren. Auch die Mutter Linda hat dem nicht viel hinzuzufügen. Sie steht hinter ihrem Mann, aber nicht aus innerer Überzeugung, sondern bloß weil es die Konvention verlangt. Eine undankbare Rolle, der Marina Galic als kettenrauchende Mater dolorosa immerhin stille Würde abtrotzt. Dann ist da noch Tim Porath als freundlicher Gewinnertyp, der dem gescheiterten Handlungsreisenden regelmäßig Scheine zusteckt. Und Alicia Aumüller, die sich als frühere Geliebte Willys lasziv um eine Pole-Dance-Stange rekelt und mit rauchiger Stimme Trip-Hop-Songs darbietet, eine Sirene des Erfolgs.

Das Zentrum des Abends jedoch ist der wunderbar wandelbare Kristof Van Boven als Willy Loman. Ein Jedermann. Ein Mitleid erweckender Wurm, dem nichts geblieben ist außer seinen Lebenslügen. Ein Opfer der Verhältnisse. Aber eben auch: ein Ekel vor dem Herrn. Einer, der mit schnarrender Stimme lamentiert, fordert, zurechtweist. Der sich gefühlte hundert Mal das Kassengestell auf der Nase zurechtrückt und das Offensichtliche einfach ausblendet. Der sich, wenn es gefühlsmäßig kompliziert wird, lieber hinter einer Topfpflanze versteckt, als Schwäche zu zeigen, und damit Verantwortung trägt für die Psychomacken, die er seinen Kindern zufügt.

Arthur Miller notierte nach der ersten öffentlichen Aufführung seines Handlungsreisenden in Philadelphia: "Als der Vorhang fiel, standen einige auf, zogen ihre Mäntel an und setzten sich wieder; andere, besonders Männer, saßen vorgebeugt und vergruben das Gesicht in den Händen, andere weinten unverhohlen." Heute, 68 Jahre später, unterscheiden sich die Reaktionen des Publikums nur unwesentlich: Keine Tränen, natürlich. Dafür aber betretenes Schweigen, das sich in heftigem Applaus entlädt. Willkommen bei den Lomans.

Weitere Aufführungen: 1., 2. und 12. Dezember 2017; 2. und 8. Januar 2018